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Neue jüdische Monatshefte · 1918-09-25 · Heft 24 (25.9.1918) · p. Seite 571

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1917-1918
Issue
Heft 24 (25.9.1918)
Article
Eine Kindheitserinnerung
Date
1918-09-25
Page
Seite 571 (sequence 2)
Language
German
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IRI
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Uli mit hohem Rand. An seinen gelblichen Wangen baumeln von silbernen Haaren durchzogene schwarze Schläfenlocken. Seine Brauen sind aber ganz schwarz wie bei einem jungen Mann. Sein mageres Gesicht ist sehr schön. Die dunklen traurigen Augen fallen besonders auf. Ihre Trauer wird von dem milden, halb verborgenen Lächeln noch besonders unterstrichen. Groß und schlank, erinnert er an eine Zeichnung Liliens. Man denkt sich unwillkürlich, wie furchtbar einsam er wohl in dieser großen Stadt ist und daß er irgendwo in der Ferno Enkelkinder zurückgelassen hat, die ebenso lustig und ausgelassen sind wio die Kinder hinter der Kirchenmauer» Der alte Jude steckt eine Hand in die Rocktasche und holt eine Handvoll Bonbons in bunten Papierhtlllen hervor; mit der anderen Hand streicht er sich den Bart. Er zieht die Brauen zusammen, auf sein Gesicht fällt ein dunkler Schatten. Es ist ja klar, daß er den Kindern die Bonbons geben möchte, aber Angst hat, Auf don Blinken vor der Kirche sitzen Frauen, — wer weiß, wie sie diese Freundlichkeit eines jeDer Menschen, vondenen so viel Albernes und Böses erzählt wird» aufnehmen werden. Vielleicht sind auch schon die Kinder solbst vom Gifte durchseucht, das im kranken Blut der Erwachsenen entstanden ist. Ohne das Lächeln der schönen Augen zu löschen, legt der wohlgestaltete Greis die Bonbons wieder in die Tasche. Die Sonne blickt vorn Himmel etwas verlegen auf die Kirche, die Kinder und den Juden herab. Dieser Jude brachte mir einen anderen Juden und den Freund meiner Kindheit, Ssergejka Ssejemsaschko, in Erinnerung. Ich war an die neun Jahre alt, Ssergejka um ein Jahr jünger, aber viel aufgeweckter als ich. Er war ein magerer, immer zerzauster, wie ein Kaulbarsch stachliger Junge mit schnellen Bewegungen, ein unruhiger Geist. Seine schnellen Augen hatten die wunderbare Fähigkeit, in der Welt allerlei seltsame und interessante „Witze" zu entdecken: merkwürdig verkrüppelte oder komische Menschen, drollige Fliegen und Käfer, Vogelnester, junge und alte Katzen, seltsam schöne Gräser und Blüten. Er hatte den Instinkt eines begabten Erforschers von Lebenserscheinungen, und das Leben, das denen, die es lieben, immer gewogen ist, eröffnete vor ihm gnädig und freigebig die kleinen Geheimnisse, die dem Herzen und dem Verstand eines Kindes zugänglich sind. Einmal sagte er mir mit großer Wichtigkeit: „Was ich heute für einen Witz gesehen habe!" Ich begann ihn auszufragen, im voraus überzeugt, daß Ssergejka etwas Ungewöhnliches gesehen hatte, Er kokettierte eine Weile mit seinem Geheimnis und quälte mich so lange, wieviel es bedurfte, um meine Neugier .aufzupeitschen. Dann fragte er mich mit großer Wichtigkeit:,

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