Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1917-1918
- Issue
- Heft 24 (25.9.1918)
- Article
- Eine Kindheitserinnerung
- Date
- 1918-09-25
- Page
- Seite 573 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Ssergejka zog die Stirne. kraus und flüsterte: „Wie der sich quält!" < Ich wollte nicht schweigen und fragte, mit meinem Freund und seinem „Witz" unzufrieden: „Warum hast du mich durch den Popengarten geführt? Wir konnten ja auch durch den leeren Bauplatz herkommen. . . ." Er antwortete: „So ist es schrecklicher! Wenn der Hausknecht uns gesehen hätte, so wäre er uns nachgelaufen.. ." Er stieß mich in die Seite und flüsterto hastig: „Weißt du was? Ich gehe hin, pflücke beim Popen Äpfel und lege sie ihm aufs Fensterbrett Soll er nur essen." Ich entgegnete: „Er hat doch sicher keine Zähne." „Das macht nichts: er kann sie backen und essen. ... Er ist so arm.41 Klein und flink wie ein Mäuschen purzelte er'vom Dach in den Popengarten, und im nächsten Augenblick schon hörte ich die Äste der Apfelbäume rauschen und die von Würmern angenagten Äpfel auf die trockene Erde fallen. Nun ist Ssergejka schon wieder auf dem Dach, seine Jacke ist vorne vollgestopft, er holt mit beiden Händen die Äpfel aus dem Busen und sagt: „Es sind an die zwanzig, dio Hillfte kriegt er. Klettern wir jetzt hinüber." Wir stiegen in den schmalen, mit Unkraut bewachsenen Durchgang zwischen dem Schuppen und der gekrümmten Wand des Häuschens, Ssergejka schlich leise vor das Fenster und begann die Äpfel schnei) auf das Fensterbrett zu legen. Plötzlich sprang er wie verbrüht zur Seite und flüsterte mir zu: „Laß uns laufen: er hat's gesehen!" Hinter der Hausecke blieben wir stehen. Ssergejka lauschte und sagte:* „Es ist nichts, er läuft uns nicht nach. Er hat vor mir Angst bekommen." „Warum bist du dann weggelaufen?" „Auch ich war erschrocken. Wie er mich ansah. . . . Ich habe solche Angst vor Buckligen!" Ich kam aus unserem Versteck hervor: im Fenster stand ein kleiner grauhaariger Jude mit kleinem Kindergesicht und schwarzen Augen. Er hatte auf seiner dunklen kindlichen Hand einen hellgrünen Apfel liegen und blickte ihn mit seltsam heiterem Lächeln an, vor dem alle Runzeln seines Gesichts zitterten und in der heißen Julisonne glänzten. ' Umschau und Literaturblatt werden in der nächsten Numraer fortgesetzt werden