Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1917-1918
- Issue
- Heft 24 (25.9.1918)
- Article
- Madonna und Schechina
- Date
- 1918-09-25
- Page
- Seite 569 (sequence 3)
- Language
- German
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569 friedJoses Gemüt ihre versöhnende und erhebende Wirkung nicht verfehlen kann. In den widerwärtigen Nöten eines verblichenen und entblätterten Daseins, inmitten einer von Verlogenheiten aller Art zerfressenen Welt, ist es eine von allem Zauber und aller Wärme der Kindheit umwobene Vision, die dem gemarterten Geiste winkt — die Vision jener göttlichen Mutter, die in uralten Kulten der grauesten Vorzeit eine zentrale Stellung einnahm und von dorther unter vielen anderen in den Gedankenschatz des Christentums hinübergewandert ist. Ich bin vollständiger Laie in der bildenden Kunst, kenne mich herzlich wenig in Farbe und Perspektiven aus, aber ich habe natürlich meine unmaßgebenden Eindrücke, an denen ich mich immerhin auslebe. Und nach einem bildlichen Ausdrucke dieser Vision, nach einem Ausdrucke, der zugleich bleibender Eindruck wäre, suchte ich lange vergebens. Ich suchte vergebens — denn die vielen Madonnabilder aus den Pinseln der berühmtesten christlichen Maier vermochten es nicht, mein Gemüt in Bewegung zu setzen und mußten mich kalt lassen, nicht weil dio betreffenden Maler e3 nicht verstanden, 'den Grundgedanken der christliche Gottesmutter richtig wiederzugeben, sondern im Gegenteil, weil sie es meines Erachtens nur allzuviel verstanden haben, diesen Grundgedanken zu verkörpern und ihm bleibenden Ausdruck zu verleihen- Aus den Zügen dieses Bildnisses blickte mir immor eine seichte, wurzel- und kernlose Milde entgegen, die, möchte ich sagen, etwas Ironisches und schon ganz gewiß etwas Indifferentes an sich hatte — oder richtiger gesagt Ironisches, weil tief Indifferentes. Ich vermißte hier jene Wärme des Gefühls, die eine wurzelhafte, in der Wollust verankerte Liebeausstrahlt, jenes wahrhafte, urwüchsige Mitleid, das nach einer tiefempfundenen hebräischen Benennung im Mutterschoß seinen Ursprunghat. Ich weiß nicht, wie jene syrische Göttin, die Magna Mater, die von den Syrern sogenannte Kybelle, in den Abbildungen ausgesehen haben mochte, aber ich kann es mir gut denken, welch pulsierendes? Leben von ihnen ausging und wie bezaubernd sie auf das Gemüt wirken mußten. Nein, die christlichen Maler haben es wirklich gut verstanden,, den Gedanken der abstrakten, an völlige Indifferenz gegenüber dem Einzelschicksal grenzende Liebe, die im Grunde keine ist, in charakteristischen Zügen in alle Ewigkeit zu fixieren. Und daher auch dieser Eindruck des Ironischen, der Eindruck eines gewissen, sozusagen sublimierten je m'en fichisme, dem ich mich bei der Betrachtung dieser Abbildungen unmöglich entziehen konnte: ich liebe dich und verzeihe dir, aber ich liebe auch deine Bedrücker und verzeihe ihnen, denn ihr seid alle insgesamt in meinen Augen nur erbärmliche Schlucker und nichts weiter. Und hier wurde es mir zum ersten Male offenbar, wie nahe die christliche Mutter Gottes der sogenannten Mutter Natur zu stehen kommt, dieser geistlosen Natur, die ebenfalls alles mit gleicher Liebe umfaßt und keinen Unterschied zwischen Gut und Böse kennen, will, und wie enge sich mithin die Konzeption des Christentums mit der eines seelenlosen Naturalismus und Materialismus berührt. *