Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1917-1918
- Issue
- Heft 24 (25.9.1918)
- Article
- Zur Geschichte der Wilnaer jüdischen Gemeinde
- Date
- 1918-09-25
- Page
- Seite 564 (sequence 6)
- Language
- German
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<den3"nufc dem. zeitgenössischen namhaften polnischen Theologen Walentin Widrioh. Er verfaßte auch „Selichot" für die Opfer der Schreckensjahre 1648—1655, und seinem Werke „Megilat-Sefer", in dem. er eine Beschreibung der Ereignisse des Kosakenaufstandes („Geserat Tach") lieferte, kommt die Bedeutung eines historischen <Juellenw-erks zu. Es war das Schicksal fast sämtlicher Rabbiner und Gelehrten der ersten Periode des Wilnaer Gemeindelebens, in den Wirren der Eriegsjahre in die Fremde abzuwandern. Sie gingen nach Deutschland, Österreich, Holland und auch nach der Türkei; überall wurden sie von der jüdischen Gemeinde unter großen Ehrenbezeugungen aufgenommen und zu den wichtigsten Stellen berufen. Mehr als alle anderen Gemeinden war Wilna dazu ausersehen, Rabbiner für die jüdischen Gemeinden Westeuropas zu liefern. Die Wilnaer Rabbiner gaben dem Judentum Westeuropas eine neue Richtung und neuen Inhalt. Im Jahrzehnt 1760—1770 weist die Wilnaer Gemeinde einen außerordentlichen Reichtum an großen Rabbinern und Gelehrten auf. Neue Strömungen traten unter diesen innerhalb der Wilnaer Gelehrtenkreise zutage. Vom dürren talmudischen „Pilpul" ging man zur Beschäftigung mit der hebräischen Grammatik und auch zu einer kritischen Behandlung der Gebettexte und der Bibel über. Manche der Gelehrten wandten sich der Mystik und Kabbala zu. Einer der namhaften Wilnaer Gelehrten jener Zeit, R. Jekuthiel b. R. Löb G o r d o n , ging aus freiem Entschluß nach Padua in Italien, wo es die einzige Universität in Europa gab, die den Juden ihre Pforten öffnete, und bezog die dortige medizinische Fakultät. In Padua wurde er mit dem hebräischen Dichter und Mystiker Rabbi Mosche-Chajim L u z a 11 o bekannt, der auf ihn .groSen Einfluß übte. Nach 'Wilna als Doktor der Medizin zurückgekehrt, trug er viel zur Verbreitung des Kabbalastudiums bei, was letzten Endes zum Aufkommen der bis dahin in Wilna unbekannten Chassidirn-Sekte führte. Bald wurden in Wilna besondere chassidische Bethäuser („Stübl") errichtet, in denen nach dem Ritus des Ari Ii. Xzchak Luriat gebetet wurde. Es schien, als hätte der Chassidismus in der litauischen Metropole einen fruchtbaren Boden gefunden. Dieser Sustaad dauerte bis zum Auftreten des „Wilnaer Gaon" R. Elijahu (geb. 1720, gest. 1797), der den Chassidismus und die Chassidim rücksichtslos bekämpfte. In der Persönlichkeit der Wilnaer Gaon, vor dem alle anderen Talmud großen zurücktraten und dem der Titel einer großen Leuchte („Hamaor hagadol") zuerkannt wurde, fand das talmudische Judentum seinen höchsten und erhabensten Niederschlag, In ihm spiegelten sich sttatliche Strahlen der litauischen Lchrweise. Der Gaon wurde der Begründer der kritischen Methode im Talmudstudium, die große Wirkung auf die folgende Lomdim-Generation übte. Seit jener Zeit;:;:!2 eine systematische Talmudforschung Platz; die Scheidemauer K'.7l:;cben Thorastudium und allgemeinem; Weltwissen fiel. Sämtliche C;oIchxt3 Talmudisten der Folgezeit durften im Gaon ihren geistigen