Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1917-1918
- Issue
- Heft 24 (25.9.1918)
- Article
- Briefe eines deutschen Juden im Auslande
- Date
- 1918-09-25
- Page
- Seite 555 (sequence 5)
- Language
- German
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555 aber es ist kein Wunder, wenn der Jude, gleich dem Angehörigen jeden anderen Volkes, sich auf die Seite derer .stellt, die ihm politische Vorteile verheißen und mit Taten sich seiner Volksgenossen annehmen, Kaum ein Monat vergeht ohne Kundgebungen der Sympathie seitens der Entente-Minister für das bedrängte jüdische Volk, dem man das verlorene nationaJe Zentrum, den Heimatboden, wiederzugeben verspricht. Ist es ein Wunder, daß der Alltagsjude, dem feinere politische Erwägungen fern liegen, von der Entente schwärmt, wenn er liest, daß englische Generale helfen, ,den Grundstein für den Aufbau des alten Landes der Bibel zu legön und daß der englische Höchstkommandierende in Pallistina mit wärmsten Worten an der Grundsteinlegung der ersten jüdischen Universität in Jerusalem teilnimmt? Da werden jüdische Regimenter mit eigenen Fahnen gebildet, mit Regierungsunterstützung Kommissionen zur Erforschung des Landes und zur Feststellung seiner wirtschaftlichen Möglichkeiten ausgesandt, die Einsetzung des ganzen Einflusses für die Verwirklichung alter nationaler Hoffnungen wird versprochen, kurz, mit Wort und Tat um ein Volk geworben, das durch Jahrtausende nur Kränkungen, Leiden und Verfolgungen erduldet hat. Eine umfangreiche Propaganda, der das Geld nicht mangelt, sorgt dafür, daß die Kunde von alledem in die geringste Hütte dringt. Und mit Trauer sieht dann der politisch weitsichtigere Jude, wie der Einfluß der Mittelmächte auf das Judentum immer mehr verloren geht, obwohl klar auf der Hand liegt, daß die Stellungnahme Deutschlands und Österreich-Ungarns auch für die Zukunft des Gesamt-Judentums und seine Lage im Osten Europas, wie in Vorderasien während und nach dem Kriege von größter Bedeutung sein muß, seine einseitig ententistische Orientierung also sehr bedenklich wäre. Aber gegen Stimmungen und Empfindungen der Masse ist das Ankämpfen überaus schwer, wenn das Werben auf nüchterne Vernunftsgründe beschränkt bleiben muß und unter dem Einfluß bedauerlicher Unterlassungen das gefühlsmäßige Element nicht für die Bcweisiührung herangezogen werden kann. Und nicht nur das Judentum schädigt dieser Zustand, sondern auch das Deutschtum verliert im neutralen Auslande unschätzbare Positionen. Gilt doch die Stellungnahme zur Judenfrage heute draußen geradezu als ein Gradmesser für die innere Freiheitlichkeit der kriegführenden Staaten. Dann droht der früher für das Deutschtum eingesetzte Einfluß der Juden in der Presse, den Parlamenten, im Handel, gänzlich verloren zu gehen. Schreitet diese Entwicklung fort, so wird auch die nach dem Kriege) so nötige Wiederanknüpfung von Beziehungen zum Auslande weiter erschwert. Denn die Juden Neutraliens mit ihren zahlreichen Handels- und Familienbeziehungen wären ja die natürlichen Vermittler für die Wiederaufnahme des Verkehrs unter den Völkern/ Es ist eben die alte Geschichte: die mangelnde psychologische Erkenntnis der Menschen und Verhältnisse im Zusammenhang mit dem Klassencharakter der Bureaukratie und der, Exklusivität der Beamter,