Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1917-1918
- Issue
- Heft 24 (25.9.1918)
- Article
- Briefe eines deutschen Juden im Auslande
- Date
- 1918-09-25
- Page
- Seite 553 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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553 Juden im Osten derselbe Schutz zuteil werden sollte wie den anderen Nationalitäten? Wo ist die Anerkennung der jüdischen Nationalität in den Ostländern geblieben? Hat man nicht zugelassen, daß in der Ukraine das jüdische Ministerium wieder beseitigt und die bereits zugestandene nationale Gleichberechtigung wieder abgeschafft wurde? Ist nicht die ganze Richtung der deutschen Ostpolitik den Minoritäten ungünstig gewesen und hat man nicht die berechtigten Forderungen der Juden völlig beiseite geschoben? In ängstlicher Rücksichtnahme auf die doch nie zu gewinnenden Polen und die Litauer hat man den Juden ihrer Länder, die einen so erheblichen Prozentsatz ausmachen, das Recht der Selbstbestimmung und den Einfluß auf dio Gestaltung ihrer inneren Verhältnisse beschränkt. Den litauischen Juden verspricht man die Anerkennung als Nationalität. Sehr schön, aber warum ist dann die „Taryba" judenrein? Warum werden nicht von vornherein die Vertreter der Minderheiten mit gl wichen Rechten , wie die Landesmehrheit in die Landesräto berufen? Weshalb wird die ganz einseitige polonisierende Politik der Herren Dr. Haas und Dr. Cohn in Warschau unentwegt fortgesetzt und weshalb kann der letztere in seinem berühmten in Schweden veröffentlichten Communiquß seine höchst eigentümliche und der übergroßen Mehrzahl der Ostjuden widersprechende Politik stets mit dem Wörtchen „wir" decken, sich also mit der deutschen Verwaltung und ihren Organen öffentlich und ohne Dementi identifizieren? Da müssen die Versicherungen offizieller Berliner Kreise, so gut gemeint sie sein mögen, nutzlos verpuffen. Es nützt nichts mehr, mit Worten ein System zu bereiten. Taten will man sehen, nicht Wortehören! Und gar der rumänische Friede, der den Entrechtigungskünsten der rumänischen Verwaltung Tür und Tor öffnet und die Möglichkeit gibt, jedem mißll'bigen Juden die Naturalisation zu verweigern! Er erscheint der Judenheifc im Ausland als eine höchst bedauerliche Folge allzu nachgiebigen Auftretens in einer Frage, die jahrzehntelang das europäische Gewissen beschäftigt hat. Kann doch Marghiloman im rumänischen Parlament auf Angriffe mit dem Hinweis erwidern, er habe ja Deutschland in der Judenfrage viel weniger nachgegeben, als die Entente gefordert haben würde! Hier konnten die Mittelmächte moralische Eroberungen machen. Hier konnten sie durch die Tat als die Schützer -von Recht und Gerechtigkeit sich erweisen und leider hat man wieder einmal die Gelegenheit versäumt. Dazu kommen Vorgänge der inneren deutschen Politik. Unvergessen ist die Judenzählung beim Heer und in den Kriegsgesellschaf tcn. Offensichtlich sind noch immer die deutschen Reichsämter judenrein wie die preußischen Ministerien, wenigstens soweit es sich um dauernd angestellte Beamte handelt. Noch immer ist die Naturalisation selbst solcher Juden, deren Söhne als Freiwillige im Felde stehen, auf das äußerste erschwert. Feiert nicht der Judenhaß Orgien in der Presse der Alldeutschen? Die, wenn sie ihr Handwerk verständen, umfassend alle fremden Volkskörper im Reich an sich zu ziehen und zu germanisieren *