Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1917-1918
- Issue
- Heft 23 (10.9.1918)
- Article
- Zur Geschichte der Wilnaer jüdischen Gemeinde
- Date
- 1918-09-10
- Page
- Seite 538 (sequence 5)
- Language
- German
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Als im Jähre 1655 russische .Heeresscharen des Zaren Alexei JSicbailowitscji. sich den aufständischen Kosaken anschlössen und gemeinsam mit diesen auf Wilna vorrückten, zogen es die Juden vor, unter Hinterlassung ihrer gesamten Habe aus der Stadt zu fliehen. Wer nicht rechtzeitig floh, kam elendiglich um. Die Stadt wurde durch die Kosaken -;on vier Seiten in Brand gesteckt; 17 Tage lang loderten die Flammen. In diesem Brande wurde auch das ganze jüdische Quartal eingeäschert. Ein Teil der Flüchtlinge hielt sich in den nahegelegenen Wäldern auf, andere machten sich gemeinsam mit dem Rabbiner auf den Weg nach S a m o gi ti e n, wo ihnen drückende Steuern auferlegt wurden. Später nach Wilna zurückkehrend, hatten sie Schweres infolge Epidemien und Hungersnot erdulden müssen. Erfüllt wurde die Stadt von Mord und Selbstmord. Des allgemeinen Unglücks ungeachtet, nahmen die christlichen Bürger Wilnas gemeinsam mit den Mitgliedern des Magistrats die Gelegenheit der Beglückwünschung des Zaren Alexei'Michailowitsch zum errungenen Siege wahr, um ihn zu einer Vertreibung der Juden aus Wilna zu bewegen, da sie den christlichen Kaufleuten und Handwerkern Abbruch täten. Alexei Michailowitsch ließ denn auch bald darauf an. alle ,Wojewoden' von Wilna den Befehl ergehen, sämtliche „Schidi" (russische Schimpfbezeichnung für Juden) aus Wilna zu verweisen und ihnen einen Platz außerhalb der Stadt einzuräumen". Ob dieser Befehl zur Ausführung gelangte, ist zweifelhaft. " Sicher aber ist es, daß bei der 1661 erfolgten Wiedereroberung der Stadt durch den polnischen General Michael Paz dieser die Juden wieder in den Genuß ihrer alten Rechte setzte. Aufs neue entstanden Reibungen zwischen dem jüdischen und christlichen Teil der Wilnaer Bevölkerung. Namentlich hatten die Juden von den Zünften zu leiden. Mehrere Male gelang es den christlichen Bürgern, bei den polnischen Behörden Beschränungsbestimmungen gegen die Juden zu erwirken. Die Lage der Juden gestaltete sich schließlieh so schlecht, daß sie bald der Verschuldung anheimfielen. Die Gläubiger waren Nichtjuden, die wegen Forderungen an Privatleuten die Synagogen, den Friedhof und andere soziale Institutionen sperren und siegeln ließen. Die jüdischen Masson setzten sich diesem Beginnen energisch entgegen; vergeblich, da dm Gericht zu den Christen hielt. Auch die politischen Ereignisse zu Beginn des 18. Jahrhunderts hatten den Juden Wilnas große Leiden verschafft. 1705 zogen in Wilna die suGsischen Heere mit Peter dem Großen an der Spitze, ein Jahr " später die Schweden ein, die der Einwohnerschaft der Stadt eine ungeheuerliche Kontribution aulbürdeten. 1706 brach ein großer Brand aus, de? den größten Teil der Stadt einäscherte. Zwei Jahre (1709— 1710) hindurch litt die Stadt unter den unmittelbaren Wirkungen der Kriegsereignisse und einer schweren Hungersnot. In Wilna selbst kamen damals nahezu 34 000 Menschen um, darunter 4000 Juden. 1715 wurde die Stadt von einem neuen Brande heimgesucht. Dieses alles trug zu einer fortwährenden Verschlimmerung der Lage der Juden bei. Eine gewisse Erleichterung trat 5 Jahre später (1720) ein, als de£ polnische König August IL die alten jüdischen Privilegien von neuem