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Neue jüdische Monatshefte · 1918-09-10 · Heft 23 (10.9.1918) · p. Seite 537

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1917-1918
Issue
Heft 23 (10.9.1918)
Article
Zur Geschichte der Wilnaer jüdischen Gemeinde
Date
1918-09-10
Page
Seite 537 (sequence 4)
Language
German
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537 stiften. So geschah es einmal, daß nach einem' erfolgreichen Rechte- Streif* der Juden gegen den Magistrat der Kob einen von der „Judengasse" nach dein Vorort Schnipischok sich bewegendem jüdischen Leichenzug überfiel, darauf in den jüdischen Friedhof eindrang, zahlreiche Grabmäler aus Holz und Stein zertrümmerte und die am Leichenbegängnis beteiligten Juden verprügelte und ausplünderte. Ein noch wüsterer Pogrom gegen die Juden brach am 5. März 1635 aus. An diesem Tage hatte sich ein großer, aus Stadtbürgern, Arbeitern, zünftigen Handwerkern und Zöglingen jesuitischer Schulen bestehender Haufen zusammengerottet und gemeinsam einen Überfall auf dio „Große . Schul44 in Szene gesetzt, wo nach Herzenslust geplündert und demoliert wurde. U. a. wurde auch die große Gemeindekasse und die Depositensch ränke geraubt, in denen auch nicht jüdische Felder aufbewahrt wurden. Der Schaden belief sich auf ICO 000 polnische Golddukaten. In der Synagoge wurden sämtliche kostbaren Schmuckstücke und 18 Thorarollen, deren Holzgriffe („Er-chajims") Brillantenfassungen aufwiesen, geplündert. Außerdem wurden auch mehrere jüdische Privatwohnungen ausgeraubt Durch einen königlichen Befehl wurde eine Kommission zur Ermittlung des gesamten Tatbestandes und der Ursachen und Urheber des Pogroms eingesetzt. Die Kommission erklärte, daß, um die Juden künftighin vor derartigen Ex7essen zu schützen, die Eingänge zu den von den Juden bewohnten Gassen durch die Errichtung von Toren gesperrt werden müßten. Gleichzeitig bestimmte die Kommission, daß die Juden ihre infolge des Pogroms erhobenen gerichtlichen Klagen zurückziehen; sie sollen durch die an gewisse Bedingungen geknüpfte Gewährung von Schankkonzessionen schadlos gehalten werden. Die Reibungen zwischen Juden und Schlachzizen verloren nunmehr mehr und mehr an Schärfe. Die darauf folgenden ruhigen Jahre wußten die Wilnaer Juden sehr wohl auszunutzen. Der jüdische Kandel erfuhr eine rasche und kraftvolle Entwicklung und die wirtschaftliche Lage der Juden hob sich. Überhaupt erfreute sich die Wilnaer jüdische Gemeinde bis zum Ausgang des 16. Jahrhunderts einer großen Blüte. Um die Mitte des 17. Jahrhunderts erfuhr die Lage der Wilnaer Juden eine tiefgehende Wandlung. Sie wurde von schweren Handelskrisen sehr hart betroffen und erlitten große Vermögensverluste, wodurch sie der Verarmung anheimfielen. Hatten die Juden bisher an den Christen Geld verliehen, so waren^ sie nunmehr genötigt, gegen Verpfändung ihrer Häuser und sonstigen Immobilienbesitzes Darlehen bei Nichtjuden aufzunehmen. Zahlreiche jüdische Häuser, darunter auch Gemeindebesitz, gingen in die Hände der christlichen Kreditoren über. Eine furchtbare Verschlimmerung erfuhr die Situation der Juden Wilnas durch die Heimsuchungen des Kosakenauf Staadts. Chroelnickis Horden machten zu jener Zeit zahlreiche jüdische* Gemeinden dem Erdboden gleich. Dies brachte zahlreichen jüdischen Kaufleuten in Wiina, die zu den zerstörten Gemeinden in engen Handeisbeziehungen standen, den völligen Ruin.

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