Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1917-1918
- Issue
- Heft 23 (10.9.1918)
- Article
- Flavius Josephus
- Date
- 1918-09-10
- Page
- Seite 533 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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533 Judentum steht. Immer und überall bricht bei Josephus die jüdische Ethik, das Sittengesetz, durch, immer wieder zeigt er der Welt, die damals mit der Riesen-Orgie begann, die römische Cäsarenmacht und -Wahnsinn anführte, daß es doch noch etwas Höheres gibt, als den Hedonismus, als das „carpe diem", nämlich den Kategorischen Imperativ, um dies später geprägte Wort auf ein gleiches Empfinden anzuwenden. Ich möchte ihm in diesem Punkt, so gewagt es au! den ersten Anschein hin erscheint, mit Hermann Cohen vergleichen: er war strenger Kantianer, man kann ruhig sagen der Kantianer unserer Zeit. Als solcher wußte er sehr wohl, daß der Freie Wille em Postulat der „Reinen Vernunft'* sei, und mit der Negierung des Freien Willens im letzten Grunde auch das ganze Sittengesetz illusorisch wird. Und trotzdem, weil Cohen eben der im Gesetz, im Sittengesets geborene und auferzogene Jude war. dieses ein untrennbarer Bestandteil seiner selbst' sein mußte, bricht bei ihm immer wieder, ähnlich wie bei Josephus der Kathegorische Imperativ, das Aufgehen im Sittengesets durch. Das ist das durchaus Wesentliche im Werke des Josephus; und auch die letzten Zeilen Hermann Cohens, die er wenige .Tage vor seinem Tode geschrieben, handelten darüber. Als sein Schwert zerbrochen ist und Josephus nicht mehr auf dem Schlachtfeld für sein Volk streiten kann, greift er zur Feder und kämpft auf geistigem Gebiet. Er schlägt den Gegner mit seinen eigenen geistigen Waffen, dazu dienen ihm griechischer Stil und griechische „Beredsamkeit11, die wir besonders in den langen Reden, die er seiner. Hauptpersonen in den Mund legt, linden; aber der Endzweck ist doch immer wieder nur der nämliche: der Mitwelt zu zeigen, daß die Juden kein inferiores Volk sind, daß sie den damaligen Kulturvölkern eben* bürtig zur Seite stehen können, sie im Gegenteil durch das Alter ihrer Geschichte übertreffen (besonders. in den „Jüdischen Altertümern"), worauf damals, genau wie heute, großer Wert gelegt wurde. Und das stets unter Betonung des Gesetzes, der Pflicht dem Gesetze zu folgen und nicht dem soviel angenehmeren Genuß des Augenblicks. Von diesem Standpunkt aus ist auch die Schrift gegen Apion und Genossen geschrieben, die man mit vollem Recht die ersten Antisemiten nennen kann und die, was ihre Motive und Mittel anbelangt, kaum anders waren als ihre modernen Gesinnungsgenossen. Nur sehr viel gefährlicher waren sie damals, denn in Alexandrien gelang es ihnen z. B., den Pöbel zu Ausschreitungen gegen die dortigen Juden zu veranlassen, die man durchaus mit den russischen Pogromen vergleichen kann. Auch der gute Geschmack der damaligen Antisemiten in der Wahl ihrer Mittel unterschied sich kaum von dem der heutigen: wie es vielleicht jetzt noch Leute gibt, die allen Ernstes an Ritualmorde glauben, so erzählte man sich schon damals, daß mato im Tempel einen Maan gefunden und befreit hätte, der für das Opfer besonders gut vorher gemästet wurde. Auch der Vorwurf der Anbetung eines goldenen Eselkopfes erscheint besonders lächerlich von Seiten eines Ägypters, mit seinem Tierkult, wie Apion es war, und zeigt nicht gerade von genauer