Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1917-1918
- Issue
- Heft 23 (10.9.1918)
- Article
- Der Antisemitismus
- Date
- 1918-09-10
- Page
- Seite 529 (sequence 3)
- Language
- German
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$2© - handikapt wird, daß ihm durchschnittlich mit mehr Mißtrauen begegnet, wird, daß er durchschnittlich mehr Kränkungen und Beleidigungen ausgesetzt ist. Die verruchte, ganz und gar barbarische Sitte, die ganze Gemeinschaft für die Handlung eines Einzelnen verantwortlich zu machen, wird nach wie vor gegen uns geübt, der Jude kommt an und für sich viel leichter als der Christ in den Verdacht, ein „Drückeberger" zu sein, und dann lautet das Urteil: „die Juden sind Drückeberger", und alles todesmutige Heldentum anderer Einzelner ist vergessen. Die „ecclesia militans" der Richtung, ihre Konventtkel, Zwergparteien und Zeitungen werden immer deutlicher und ihre Ausdrücke immer ungeschminkter: es handelt sich um die edle Absicht, die Juden und „ihre" Presse, für die man auch alle Juden verantwortlich macht, für einen etwaigen unbefriedigenden Ausgang des Krieges haftbar zu machen, die Volkswut auf sie abzulenken: und welcher mögliche Frieden könnte diese Leute befriedigen? War sagten ja schon, daß der Antisemitismus nichts anderes ist, als das nach innen gewandte Gesicht des aggressiven chauvinistischen Nationalismus. Die Haltung gegen die nicht-deutschen, während des Krieges unter deutsche Gewalt gelangten Juden des Ostens konnte unter diesen Umständen nur noch unfreundlicher sein. Wir möchten nicht mißverstanden werden: der Okkupationszustand in Verbindung mit Seesperre und Nahrungsknappheit hätte auch eine entschieden philoscmitische Armee und Verwaltung in die Lage gebracht, die Bevölkerung ohne Unterschied des Glaubens und der Abstammung härter anzufassen als ihr selbst lieb war. (Test la guerre! Und deutsche Ordnung, deutsches Pflichtgefühl haben andererseits auch den Juden gegenüber im Ostvn vieles gelindert und vieles geleistet, was erst die unparteiische Geschichtsschreibung der Zukunft als Großtat der Organisation und des praktischen Wohlwollens nach Gebühr wird anerkennen können. Aber Armee und Verwaltung sind durchschnittlich nichts weniger als philosomitisch. Sie sind in allen ihren oberen Steilen so gut wie ausschließlich von Angehörigen der Klasse besetzt, deren Lagerung den exklusiven, aggressiven Chauvinismus nun einmal bedingt und. die große Masse unten folgt dem ebenso gewaltigen Gesetze der Nachahmung des Oberen durch die Unteren: „Prestige-Suggestion^ und natürlich in stark vergröberter Weise. Und so ist es vielfach zu Dingen gekommen, die besser vermieden worden wären, und die die unvermeidliche Verwilderung jedes Krieges noch gesteigert hat. Aber schlimmer, viel schlimmer, weil offiziell mit der ganzen Autorität des Reiches und Rechtes hinter sich, sind die Gesetze und Verordnungen der leitenden Stellen, ist die Judenpolitik im großen. Ich erinnere nur an die proklamierte Grenzsperre und die geradezu wunderliche Begründung, mit der die Einwanderung jüdischer Arbeiter aus Rußland nach Deutschland verboten wird: die Gefahr der Einschleppe: ~ des Flecktyphus. Ist wirklich die auf einem Juden schmarotzende Laus gefährlicher oder gegen die heißen Dämpfe der „Lausoieen" unempfindlicher als die auf einem polnischen Christen schmarotzende? Derartige Dinge häufen sich, je Üinger je mehr; und wir sind durch unsere Selbst-