Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1917-1918
- Issue
- Heft 23 (10.9.1918)
- Article
- Der Antisemitismus
- Date
- 1918-09-10
- Page
- Seite 528 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2908689-2908714-2908733-2911228--1937-2911249- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
520 Aber wir durften hoffen, daß diese Klassen ihre politische Hegemonie verlieren würden. Die deutsche Arbeiterschaft hatte sich in die „Staatsehrlichkeit hineingepaukt", um einen hier sehr passenden Ausdruck des Bierkomments zu brauchen; die herrschende Klasse hatte sieh politisch-diplomatisch aufs schwerste kompromittiert; Deutschland als Ganses trat In eine neue Welt, die der Weltpolitik und Weltwirtschaft, ein: „zu neuen Ufern lockte ein neuer Tag"; der Geist des vierten August kam dazu: nach alledem durfte man einen starken Wandel m der politischen Konstellation, eine Schwächung der Hechten und eine Stärkung der Linken erwarten und hoffen, daß die neuen, den Staat lenkenden Parteien mit ihrer ganz anders gearteten Lagerung das Diapason der neuen deutschen Politik bestimmen würden: in der Richtung auf viel mehr Achtung vor dem Recht und der Würde der Persönlichkeit, auf eine Abwendung von jenem aggressiven und exklusiven Nationalismus und Chauvinismus, der ja sicher nichts anderes ist, als der psychische Reflex der ökonomisch-politischen Interessen der Bourgeoisie, Damit hätte auch der Antisemitismus seine Bedeutung für uns verloren. Er wäre ein politisch und im allgemeinen auch gesellig unschädliches Sektbekenntnis, ein Bekenntnis des Schmollwinkels der Klubs und Kasinos geworden, gleich dem wirklichen Rassen-Antisemitismus, der auch den getauften Juden noch ablehnt, und den nur der soziologische Laie mit dem „offiziellen44 verwechselt. Diese Hoffnung haben wir nicht aufgegeben, im Gegenteil, sie hat sich noch verstärkt. Solange dauert der furchtbare Krieg, so grauenhaft sind die Opfer an Gut und Blut, die er kostet, so immer schwerer hat sich die herrschende Klasse politisch-diplomatisch kompromittiert, niemand an dem großen Umschwung mehr zweifeln kann, der uns erwartet. Die leitenden Männer Deutschlands am wenigsten. Der Kaiser hat den Preußen den Abbau des alten Wahlsystems feierlich versprochen, das die Herrschaft jener Klassen sicherte; und des Reichskanzlers Bertling &ehr ernste Worte im Herrenhause klingen noch frisch in unserem Ohre. Auch die Klasse selbst spürt, daß ihre Sturm- Hut-naht. Und gerade darum nutzt sie die letzte Frist ihrer Hegemonie auo, um womöglich noch das Schicksal zu wenden, indem sie einen Damm errichtet, und versucht, wenigstens noch vor dem Sturz ihr Mütchen zu kühlen. Das ist die sozialpsychologische Wurzel des neuen Antisemitismus oder der neuen Woge des Antisemitismus. Man bereitet für jeden Fall einen Sündenbock vor, den das Volk an Stelle des wirklich Schuldigen in die Wüste jagen mag, man richtet dem Lcviathan eine Tonne zum Spielen her: vielleicht hilft das so oft erprobte Mittel auch dieses Mal noch! An der Tatsache des neuen. Antisemitismus ist leider nicht zu zweifeln. Zehntausende von Juden tun an der Front ihre Pflicht, Tausende sind gefallen, Tausende zu Offizieren befördert, viele Tausende mit dem Eisernen Kreuz belohnt worden. Trotzdem kann kein Zweifel daran bestehen, daß immer noch, und je länger der Krieg dauert um so mehr, der Jude in der Beförderung durchschnittlich schwer gc-