Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1917-1918
- Issue
- Heft 20-22 (25.7.1918)
- Article
- Jüdische Volkskunde im Lichte der neuesten Forschung
- Date
- 1918-07-25
- Page
- Seite 522 (sequence 7)
- Language
- German
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bol aufzufassen und ihm jede:magische Wirkung abzusprechen. Der Wert dieser äußeren Handlung würde nur noch in dem subjektiven, religiösen Gefühl bestehen, das an dieses Symbol geknüpft ist. Zahllos ist der Aberglaube, den die Juden im Mittelalter vom deutsehen Volke übernommen haben. Das aus dem Anfange des 13. Jahrhunderts stammende Werk Sefer Chasidim, das ich demnächst in deutscher Bearbeitung herausgebe, ist eine Fundgrube für den damaligen deutschen Volksaberglauben. Ich möchte zum Schluß nur noch auf einen erst in moderner Zeit vom deutschen Volke übernommenen Aberglauben hinweisen, nämlich daß 13 eine verhängnisvolle Zahl sei. Sie ist wohl deshalb im Volke eine unglückliche Zahl, weil sie, „die auf die harmonische, oft teilbare Zwölfzahl folgt, wegen ihrer Unteilbarkeit als eine unharmonische, unglückliche erscheint, die man nur durch Entfernung einer Einheit zu jener harmonischen machen kann". Der Reisende wird weder in der Eisenbahn die Platznummer 13 einnehmen, noch im Hotel Zimmer Nr. 13 bewohnen, so daß viele Hotels eine solche Nummer nicht haben. In manchen Straßen Kölns sucht man die Hausnummer 13 vergeblich. In Köln wird auch eine Familie, die eine Gesellschaft gibt, zu der nur 14—15 Gäste eingeladen sind, noch einen Mann, der sich gesellschaftlich zu benehmen weiß, bestellen, der für den Abend bezahlt wird. Dieser Mann nimmt nur dann an der Gesellschaft teil, wenn bloß 13 Gäste erschienen sind, denn „von 13 Personen am Tische muß eine sterben". Den gleichen Aberglauben teilen heute die deutschen Juden, obgleich der Knabe mit 13 Jahren Barmizwoh wird und es 13 Glaubensartikel gibt. Dieser Aberglaube wird sogar von manchen jüdischen Gemeinden in die Synagoge hineingepflanzt. So gibt es in der konservativen Gemeinde Hoherisälza (Posen) keinenöynagogenplatz 13, sondern 12 a. Der jüdische Volksglaube hat sich also unter dem Einfluß der andersgläubigen Umgebung vielfach dem Heidentum genähert, welches gerade die Tora zu überwinden suchte. Primitive Vorstellungen, die die Tora als Aberglaube gekennzeichnet hat, finden nach mehr ,als 1ÜQ0 Jahren allmählich wieder als tiefwertige, geheimnisvolle Wahrheiten Anerkennung. Der treifende Grundsatz unserer alten Weisen: „Ein Brauch, der nicht aus den Lehren der Tora zu erweisen ist, beruht gleichsam nur auf einer falschen Erwägung", ist leider unbeachtet geblieben. Primitive Glaubensvorstellungen üben nun einmal auf die 'breiten Massen einen nachhaltigen Einfluß aus, als der lichte, reine Gottesglaube, Unausrottbar gleich Unkraut drohen sie die wahren Qottesbegriße zu überwuchern, sobald sie von einzelnen Autoritäten «tat? religiösem Gebiete stillschweigend' geduldet, oder sogar gutgeheißen werden- An das lautere Edelmetall der jüdischen Religion 'laben, sich im Laufe der Jahrhunderte die Schlacken des finsteren Aberglaubens angesetzt, so 'daß sie noch heute, besonders von den ■T'üSsa des Ostens und des Orients als ein wesentlicher Bestandteil an-;;--ohoii werden. So hat sich Aberglaube mit der Religion vermengt,; *o m ihrem Wesen zu verdrehen, sie innerlich zu. vergiften gesucht.