Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1917-1918
- Issue
- Heft 20-22 (25.7.1918)
- Article
- Jüdische Volkskunde im Lichte der neuesten Forschung
- Date
- 1918-07-25
- Page
- Seite 521 (sequence 6)
- Language
- German
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Dieses Geschenk an die Armen soll gleichzeitig ein Lösegeld sein, mit dem man seine begangene Schuld abträgt, denn nach dem jüdischen Glauben ersetzt, seitdem der Tempel zerstört Ist, Wohltätigkeit den Sünde tilgenden Opferaltar. „Wohltätigkeit rettet vom Tode", In der jüdischen Zeremonie ist auch ein Überbleibsel von dem heidnischen Brauch der Wegsendung des Unheils nach einem entlegenen Ort enthalten, wenn nämlich die Eingeweide des Sühnehuhnes aufs Dach geworfen werden, damit die Vögel den UnglücksstofI, der auf das Huhn bzw. die Eingeweide übertragen ist, weit wegtragen sollen. Das Gebet beim Kappores lautete in der ältesten Fassung: „Das Huhn soll m den Tod gehen, der Mensch aber zum guten und langen Leben. Die Tötung dieses Huhnes sei eine Sühne für diesen Menschen, er möge von Leid und Bedrängnis, vor Kummer und Sorge errettet werden, er finde Ruhe, Wonne und Freude" (Machzor Witri). „Dieses Huhn &oi an Stelle dieser Person^ dieses Huhn sei als Stellvertreter für diese Person, dieses, sei preisgegeben für diesen". Der im 14. Jahrhundert lebende Maharil hebt lobend hervor, daß die rheinischen Juden den Armen nicht da& Huhn selbst, sondern nur den Geldwert dieses Tiere;:; geben, um ihnen keine Mißachtung zu bezeigen; „denn wenn man das Huhn selbst den Armen gibt — meint Maharil — so sagt sich der Arme: Jener hat seine Sünde auf das Huhn übertragen, und ich erscheine ihm so verächtlich, daß er nun mir das sündenbeladene Huhn schickt!" Heute ist das Ethische in diesem ursprünglich heidnischen Brauche überhaupt geschwunden. Man gibt dem Armen weder das Huhn noch dessen Geldeswert, sondern ißt es selbst auf. Ebenso wie das „Kappores" ist noch das „Taschlich" vielen bekannt. Während meiner Studienzeit in Berlin war es mir interessant zu beobachten, wie am Nachmittage des 2. Rauschhaschonah-Tages «das Spreeufer zwischen dem Schlosse und den Museen von Juden wimmelte, welche ihre Taschen mit Brotkrumen ins Wasser-ausschütteten und dabei andächtig ein Gebet hersagten. Unter den am Flusse versammelten Juden befanden sich auch zahlreich solche, die überhaupt nur an den beiden hohen Feiertagen sich ihres Judentums erinnern. Und trotzdem gingen sie mit einer Weihe zum „Taschlich" wie der Katholik zur Beichte. Auf so leichte, mysteriöse Weise seine Sünden loszuwerden, ist aber schon der Gang zum Flusso wert. Dieser Brauch ist bis um 1300 n. Chr. im jüdischen Schrifttum nicht zu .belegen, D:r _ im 14. Jahrhundert in Süddeutschland lebende Maharil erwähnt ihn zuerst. Rabbi Jesaja Hurwitz, der am Ende des 16. Jahrhunderts wirkte, bemerkt, daß unter den Juden der Volksglaube herrsche, man könne am Rauschhaschonah, wenn man an einen Fluß gehe, dort seine Bünden abschütteln, indem man die Taschen seiner Kleider ausschüttele. Diese Anschauung hält er für eine Entweihung Gottes. Er betont, imx deshalb pflege man am Neujahrstage zu einem Flusse zu gehen, der Fische enthält, weil die Menschen mit lebenden Fischen zia vergleichen .sind, welche plötzlich in ein Netz gefangen werden. Also die Rabbiner suchten diesen nun einmal festwurzelnden Brauch „als ein ideales Sym-