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Neue jüdische Monatshefte · 1918-07-25 · Heft 20-22 (25.7.1918) · p. Seite 520

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1917-1918
Issue
Heft 20-22 (25.7.1918)
Article
Jüdische Volkskunde im Lichte der neuesten Forschung
Date
1918-07-25
Page
Seite 520 (sequence 5)
Language
German
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520 eifern müssen, bis er endlich aus dem Judentum ausgerottet wurde. Sine derartige Handlungsweise, die die Beschleunigung des Todes herbeiführen solle, haben sie geradezu als einen Mord bezeichnet. Vor allem hat die Kabbalistik dem1 Aberglauben Tor und Tür geöffnet und ein Stück längst überwundenes Heidentum dem Judentum wieder einverleibt. Sie liefert uns den Beweis, wie sehr das Heidnisch- Mysteriöse die Sinne dauernd zu berücken vermag. Kabbalistische Bücher enthalten nicht nur die dem alten Judentum fremdartige indische Lehre von der Seelenwanderung, sondern auch Engelbeschwörungen, d. h. sie geben Anweisungen, wie man durch die Kenntnis der richtigen ^Tarnen der Engel sie zwingen könne, zu erscheinen und die Befehle des Beschwörers auszuführen. Ich nenne nur das unter den heutigen zahlreichen Anhängern des Kabbalismus am meisten verbreitete Buch Sefer Ilaziel Hammalach. . Das Judentum verbietet strengstens die Engelanbetung. So heißt es im Talmud: „Der Mensch darf weder den Engel Michael noch Gabriel anrufen, sondern nur Gott allein anflehen, der ihn erhören wird". Allein die Kabbalistik hat unter dem Einfluß des Christentums angeordnet, daß man beim Betreten eines unreinen Ortes zum Schutze gegen die dort hausenden Dämonen die Engel anbeten solle, weil es nicht würdig sei, an einem solchen schmutzigen Ort Gott anzuflehen. Das Christentum lehrt die Anrufung der Heiligen, damit jene durch ihre mächtige Fürbitte bei Gott dem sündhaften Menschen helfe. Von diesem christlichen Glauben ist die Kabbalistik beeinflußt word-en. Im Mittelalter pflegten die Juden am ■Erew Rauschhaschonoh den Friedhof zu umkreisen, um die dort ruhenden Frommen zu bewegen, Fürbitte für sie bei Gott zu tun. So oft ein Jude krank war, tat er das Gleiche. Dem Einfluß der Kabbalistik ist es vor allem zu verdanken, daß zwei auf primitive Religionsvorstellungen zurückgehende Bräuche, die vor allem bei den orientalischen Völkern heimisch waren, den Weg ins offizielle Judentum nahmen und heute bei uns als geheiligt gelten und deshalb in sämtlichen Gebetbüchern erwähnt' werden. Die meisten Völker glaubten nämlich, durch, eine magische Handlung Sünde und drohendes Unheil auf ein Tier, gevföhnlich auf ein Huhn übertragen oder ins Wasser versenken zu können. Die Juden, die diese zum menschlichen Heile dienenden magischen Handlungen trotz des Ver^ botes bedeutender Rabbiner übernahmen, haben ihnen eine gewisse Jüdisch religiöse Färbung gegeben. Ich meine hier die Bräuche des „Kapporess-chlagens" am Erew Jomjkippus und des „Taschlich4* am zweiten Tage Rauschhaschonoh, Dert heidnischen Brauch dos «stellvertretenden Sühnehuhnes, auf welches alles Unheil des kommenden Jahres übergehen soll, haben die Juden im 10. Jahrhundert entlohnt, ihm aber zugleich eine Wendung ins Ethische gegeben, indem dr,3. Huhn, auf das alles Unheil einer Person übertragen worden ist, idclit für die Dämonen in einen unzugänglichen Ort oder ins Wasser Trc^oworfen, sondern den Armen geschenkt wird. Bei den Heiden war öc.3 Huhn für die Dämonen, bei den Juden für die Armen bestimmt.

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