Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1917-1918
- Issue
- Heft 20-22 (25.7.1918)
- Article
- Jüdische Volkskunde im Lichte der neuesten Forschung
- Date
- 1918-07-25
- Page
- Seite 518 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2908689-2908714-2908732-2911127--1919-2911207- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
münenabwehr oder Dämonenvertreibung. ' Denn 'mir von Dämonen" rührten ja nach ihrer Ansicht Krankheit und Unheil her* Diese Anschau-; img stimmte nun mit dem altjüdischen Volksglauben überein. Daher nahm der Jude später keinen Anstoß, alle Heilmittel der heidnischen Umgebung ohne weiteres zu übernehmen, insofern sie nicht mit offenbarem Götzendienst, mit Menschenmord oder einer sexuellen Sünde in Zusammenhang standen. So findet sich nicht bei den Juden, der sonst bei allen Völkern vorhandene Aberglaube, daß Menschenblut, Körperteile eines Ermordeten oder die bei einer Mordtat verwendeten Werkzeuge hervorragende heilsame Wirkungen hervorrufen. Während Griechen, Kömer und Germanen den Nagel, mittels denen jemand an ein Kreuz geschlagen, sein Leben quaivoll aushauchen mußte, oder den Strick eines Gehängten als besonders heilkräftige Amulette ansahen, sind sie infolge des überaus strengen Verbotes sämtlicher Gesetzes- 'lehrgr von den Juden nicht übernommen worden. Solche Mittel verabscheuten die Juden, da sie ihrem Empfinden zuwider waren. Diese ms der jüdischen Volkskunde gewonnene Erkenntnis beweist die sittliche Macht des Judentums. Von den klassischen Völkern entlehnten die Juden in den späteren Jahrhunderten das Löwenamulett und ent- ' sprechend dem Aberglauben der Völker, unter denen die Juden lebten, legten sie ohne Bedenken zum Schutze der Wöchnerin gegen Dämonen ein Schwert oder ein Messer unter ihren Kopf, obgleich dieses die Gesetzeslehrer "des 1. Jahrhunderts verboten hatten. Der Glaube an die Wunderkraft der Amulette wurde in den späteren Jahrhunderten sogar von den kabbalistischen Rabbinern bestärkt, so im 18. Jahrhundert vor .allem von Jonatan Eibeschütz. Im 5. Jahrhundert n. Chr. fand auch der bei vielen Völkern existierende Brauch Eingang, einem Schwerkranken feierlich einen anderen Namen zu erteilen, mit dem Gebete, daß, wenn über ihn der Tod verhängt sei, dieses Verhängnis hiermit aufgehoben sei, da jener nicht mehr existiere, sondern durch die Namensänderung ein anderer geworden sei. Gemäß dem primitiven Glauben sollten durch diese Zeremonie die Krankheitsdämonen getäuscht werden. Dieser Brauch ist sogar durch E. Jose im Talmud gebilligt worden. Einzelne von den orientalischen Völkern übernommene Bräuche wurden von den späteren Rabbinern anstandslos gutgeheißen, obgleich sie gegen den- Geist der Tora verstießen. So hat die Bibel den primitiven Glauben, daß der Tote die überlebenden Verwandten heimsuche, t bekämpft. Aber diese bei allen heidnischen Völkern vorherrschende Vorstellung beeinflußte' später den Gottesglauben der Juden so sehr, daß sie sich derselben Abwehrmittel gegen die Totengeister und Lclcliendämonen bedienten, wie die heidnische Umwelt. Werbim Begriu'war, den Friedhof zu verlassen, suchte sich dadurch der Gefolgschaft der Dämonen zu erwehren, daß er mit dem Gesichte nach dem Ausgang dreimal Erdstücke hinter sich, gegen die Toten warf. Dieser Brauch ist ohne weiteres von babylonischen Gaonim anerkannt worden4) •---■-- * '. 4) Itubbenu Mesulami, Maase Haggeonlm.. Berlin 1909, 51: Machzor Witri, BOillü 'L^X § 2791