Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1917-1918
- Issue
- Heft 20-22 (25.7.1918)
- Article
- Rosa Rubin
- Date
- 1918-07-25
- Page
- Seite 508 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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aber ästhetische Interessen: ihm verdankst du die Bekanntschaft mit .. Hadsoh und Maeterlinck. Wenn die Universitätsferien zu Ende gehen und silberne Herbstfäden durch die Luft schweben, sind auch schon manche zarte Fäden gesponnen. Unschuldsvolle, bescheidene,, und doch so herrliche Minsker Romane! Kein Hermann Bang, kein Anton Tschechow hat euch noch besungen. ... . " . * # *■ Auch die christlichen Herren interessieren sich für dich: der Akzisebeamte Iwanow blickt dir nach, wonn du mit dem roten Heft des „Europäischen Boten'1 in der Hand aus der Klubbibliothek gehst. Beim letzten Feuerwehrball wurde er dir vorgestellt. Er spricht dich 1 mit „Rosalia Arnoldowna" an, macht sich aber hinter deinem Rücken über deine gutturale Aussprache des scharfen russischen „R" lustig und nennt dich „Chosa Chubin". Deine Sprödigkeit zieht ihn an und macht ihm zugleich unheimliche Angst. Er fürchtet die „Schidowotschka" (das Judenmädel) wie'eine Hexe.... . . Im „Winter sind die Studenten fort. Die Glücklichen! Sie genießen die Freiheit in den dir herrlich dünkenden Städten Kiew, Petersburg und Odessa. Du vergehst vor Sehnsucht im öden Minsk. Deine Eltern „verstehen" dich nicht. Dich zieht es nach Charkow auf die „Kurse", wo die glückliche Ssonja Kaplan studiert, nach Bern, wo die noch glücklichere Manja Sachs Philosophie treibt, und nach dem gottverdammten Dorf in Zentral-Rußland, wo die allerglückliehste Emma Solowejtschik das Amt einer Hebamme ausübt. Du darfst weder nach Charkow, noch nach Bern, noch in das russische Dorf. Dein Leben ist ein stummer Kampf gegen cleine Eltern, gegen die weitverzweigte Verwandtschaft, gegen die jüdische Stadt, die dich nicht ziehen läßt. Deine Seele schrumpft gleichsam vor Kälte ein. Du suchst Ablenkung in „sozialer Betätigung": du erteilst russischen Unterricht der Tochter einer Köchin, verbringst täglich eine'Stunde in der Volksküche und eine halbe Stunde-in der „unlegalen" Arbeiterbibliothek. Schnellen SchriUes, mit gesenkten Blicken durchquerst du den schneeverwehten?3oulevard, erwiderst kaum den Gruß des Akzisebeamten Iwanow und eilst zu der einzigen dir noch gebliebenen Freundin Olga Neumann, die gleich dir verurteilt ist, im verhaßten Elternhause zu Stein zu erstarren. . * * * Von jüdischen Dingen weißt du nicht viel. Du kannst wohl mit Kühe hebräische Buchstaben entziffern, hast aber noch kein jüdisches Buch in der Hand gehabt, weißt nichts von Perez und Achad-Ha^im. . . In die Synagoge mußt du nur.'einmal im Jahre, am Jom-Kippur. Du gehst :r::r2t Widerwillen hin und rächst dich hinterher für diesen Zwang, indem öi gleich aus der Synagoge zur Olga Neumann gehst und mit ihr hinter vorccMossenen Türen den gestern heimlich angeschafften Schinken verehrst." Du kennst keinen jüdischen Gott, du kennst kein jüdisches