Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1917-1918
- Issue
- Heft 20-22 (25.7.1918)
- Article
- Rosa Rubin
- Date
- 1918-07-25
- Page
- Seite 507 (sequence 1)
- Language
- German
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- Rosa Rubin Von Alexander Elictsberg', München. ^^J||osa Rubin, wo bist'du? H Eine dicke Staubwolke hängt über dem Minsker Boulevard. Sabbatnachmittag im Hochsommer um 1900. Eine vieltausendköpfige Menge wogt durch die'Ahorn-und Kastanienalleen. Lauter Juden, Männer und Frauen, Alte und Junge, alle in ihren besten Sabbatkleidern, alle mit leeren Händen: kein einziger Stock, kein einziger Schirm ist zu sehen. Sie sind hergekommen, um „frische Luft zu schnappen", obwohl Üie Luft hier nicht frischer ist als in den Laden Und Kontoren, wo sie die ganze Woche hocken. Da sehe ich auch dich, Rosa Rubin. Du heißt noch „Röchele" und gehst sittsam neben Vater und Mutter, Großvater und Großmutter. Aber deine Blicke schweifen schon sehnsuchtsvoll über das Boulevardgitter, das diese jüdische Welt abschließt, auf die leere Straße mit den geschlossenen Läden hinaus, als ob draußen die große freie Welt mit allen ihren Herrlichkeiten läge. Mit zwölf Jahren bist du Gymnasiastin. Du trägst die Uniform — braunes Kleid und schwarze Schürze — und lernst Algebra, Zoologie und Kirchenslawisch, lauter Dinge, vor denen deine Eltern großen Respekt haben. Sie nennen dich jetzt schon Rosa. Der alte Namen gilt nur noch für die Großeltern. Wie rot wurdest du neulich, als du mit deiner christlichen Kollegin durch die Goxwerneurstraße gingst und deine achtzigjährige Großmutter dich vom Balkon anrief: „Röchele, kumm aber!" In die Erde wolltest du versinken. Unter den russischen und polnischen Mädchen hast du keine Freundinnen. Einem dunklen Instinkt gehorchend, hältst du nur mit Jüdinnen zusammen. An den Sabbatnachmittagen spazierst du nicht auf dem jüdischen Boulevard, sondern gehst in Gottes freie Natur hinaus, vor die, Stadt, auf . den Eisenbahndamm, der zum protestantischen Friedhof führt. Du redest mit deinen Freundinnen nur noch Russisch. Die Gymnasiasten Jascha ' Rabinowitsch, Boris Sälkind, Grischa Hurwitsch blicken dir nach. Deine gesenkten Augen sprühen Funken. . . . Rot leuchtet das Bündchen im schwarzen Zopf. . . . :f: * * Nun bist dir siebzehn, herrliche Mädchenknospe! Nicht nur die ganze Weisheit des Gymnasiums hast du erfaßt, du hast auch viel für deine „Selbstbildung" getan, hast fleißig Spencer und Buckle, Bjelinskij und Marx gelesen und kennst die wohlklingendsten Stich- und Schk^- worte aus einer Menge von Büchern. Jascha, Rabinowitsch und Boris Salkind, die schon Studenten der Medizin und der Jurisprudenz sind, haben dich in alle diese Weisheiten eingeführt. Grischa Hurwitsch hat