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Neue jüdische Monatshefte · 1918-07-25 · Heft 20-22 (25.7.1918) · p. Seite 505

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1917-1918
Issue
Heft 20-22 (25.7.1918)
Article
Die New Yorker Jüdin
Date
1918-07-25
Page
Seite 505 (sequence 7)
Language
German
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505 eine tiefe Kluft getrennt. W?nn man ihr vom Leben auf der Ostseite erzählt, so erscheint ihr dieses genau so fremdartig wie das Leben der Sioux-Indianer. Mit „diesen Leuten" kommt sie höchstens dann einmal in Berührung, wenn sie ihren Schneider oder Kürschner in Hester Street aufsucht. Sie ist selbstverständlich nicht in die Public Scliool gegangen, (das Märchen von den Millionärskindem in der Public School findet bei uns noch immer Glauben!}, sondern hat Privatschul- oder häuslichen Unterricht erhalton, der — da man ihr gewöhnlich den ganzen Sclbständigkeitsrede Eigensinn des amerikanischen Kindes gelassen hat — für ihre Lehrer schwieriger war als für sie. In einem Mädchen-College oder durch eine französische „ftnishing governess" ist sie dann zur großen Dame präpariert worden und tritt mit 18 oder 19 Jahren auf die Bühne des gesellschaftlichen Lebens, und zwar in erstaunlich vielen Fällen als eine hervorragende Schönheit. (Ich habe vielleicht noch nie in meinem Leben eine so große Schar blendend schöner und eleganter Frauen vereinigt gesehen wie zu einem vom Damenkomitee des New Yorker jüdischen Mount Sinai-Hospitals veranstalteten Tee.) Ihr Leben wird mm ein Strudel von Vergnügen: von der vormittäglichen Autofahrt zum „Shopping'4 geht es zum Lunch bei Freunden, von da zur „garden-party" und dann in die Oper mit darauffolgendem Abendessen in einem vornehmen Hotel. Am Ende der Gesellschaftssaisbn bricht die junge Schöne vor Ermattung fast zusammen und muß durch eine Europareise ihren ramponierten Nerven aufhelfen. Wie geisttötend dieses lediglich durch Gesellschaft, Flirt und etwas Kunstbetätigung ausgefüllte Dasein wirkt, konnte ich bei einer jungen Verwandten feststellen, deren Hauptvergnügen darin bestand, sich alltäglich Auswahlsendungen aus den verschiedensten Kaufhäusern kommen zu lassen und in den Stoffen, Spitzen und Pelzen stundenlang zu wühlen, um, wenn ihr nichts gefallen hatte, das Ganze dem harrenden Boten wieder mitzugeben; oder bei einer anderen jungen Dame meiner Bekanntschaft, die auf meine Bemerkung über die liebliche Erscheinung eines jungen Mädchens naserümpfend erwiderte: „Wie kann man sie nur reizend nennen, sie hat ja ein Kos,tüm vom vorigen Jahr an!" Diese jungen Mädchen wählen nach der zweiten oder dritten „season" mehr oder minder (meistens mehr) eigenwillig einen Gatten und setzen dann ihre geistlose Existenz ohne wesentliche Unterschiede fort. Sehr problematisch , ist das Judentum dieser Kreise: gewöhnlich besteht es darin, daß man zu Roschhaschanah und Jomkippur in elegantester Toilette in einen oltra-reformicrten Westendtempel geht, im übrigen aber keinen Gebrauch davon macht, Neuerdings glaubt man. allerdings in manchen Familien, seinem „Adel" eine etwas intimere Beziehung zum lieben Gott schuldig zu seih und zündet deshalb am Freitagabend Lichter an, wozu man gern christliche Freunde als Zeugen so respektablen Tuns einlädt. Selbstverständlich gibt es auch in diesen Kreisen Mädchen, die sieb eifrig mit Studien beschäftigen, freilich selten, um ernsthaft einen Beruf auszufüllen. Und es gibt auch einige, deren Fürsorge für ihre jüdischen Mitschwestern nicht auf die Veranstaltung von Wohltätig-

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