Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1917-1918
- Issue
- Heft 20-22 (25.7.1918)
- Article
- Die New Yorker Jüdin
- Date
- 1918-07-25
- Page
- Seite 501 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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50! ragendes Gefühl: die Überzeugung«, daß in Amerika alles besser und schöner sein werde Jals daheim, und daß man alles, was einen als Fremdling — als' „greenhorn" — kennzeichnet, fortwerfen müsse, um mit Leib und Seele amerikanisch zu werden. Diesem Bedürfnis kommt die Public School, die das Kind bald nach seiner Ankunft aufnimmt, entgegen. Den kleinen Judenmädchen, die daheim vor Sehnsucht nach Wissen glaubten verschmachten zu müssen, weist sie großmütig den Weg zu der ersehnten Bildung und — was sie in den Augen der Kinder zu einem wahren Paradies macht — kennt keinen Unterschied in der Behandlung der einzelnen, nimmt nicht ein Quentchen mehr Rücksicht auf die Tochter angeschener Voliblutamerlkaner als auf das Kind armer, eben erst eingewanderter russischer Juden. Im Gegenteil, sie nimmt sich in den ersten Wochen der kleinen Jüdin, eifriger an als der Amerikanerin, indem sie ihr durch Nachhilfestunden die englische Sprache und das von der Klasse bereits durchgenommene Pensum beibringt. Selbstverständlich erwächst in dem Kinde eine Begeisterung für* das Land, in dem ihm solche Güter zuteil werden, und das junge Herz ist nun vorbereitet zu glauben, was man es lehrt: daß dio Helden dieses Landes die größten der Weltgeschichte, seine Einrichtungen die besten der Welt und die Bürger, die sich seinem Geiste anpassen, die vortrefflichsten der menschlichen Gesellschaft sind. Mit dieser Vergötterung alles Amerikanischen kommt die kleine Jüdin täglich aus dem Schulhause auf die Straße und in ihr Elternhaus und ist nun geneigt, die Welt nach dem Maßstabe zu messen: gut ist alles, was typisch amerikanisch ist, schlecht ist das, was von der amerikanischen Norm abweicht. Da ihr allenthalben als höchste amerikanische Tugend die Tüchtigkeit — smartness— begegnet, so muß es bald ihr Bestreben werden, sich diese Tüchtigkeit zum Beispiel zu nehmen. Als Tüchtigkeit aber gilt, wie sie bald verstehen lernt, dem Durchschnittsamerikaner die Fälligkeit, recht viel Geld zu verdienen, und so bildet sich in der Mehrzahl der jungen Jüdinnen ein ausgesprochener Erwerbssinn aus. Gewiß wird eine große Schar der jungen Eingewanderten durch die dürftigen häuslichen Verhältnisse gezwungen, schon frühzeitig einen Gelderwerb zu suchen, aber daneben gibt es zahlreiche, die lediglich aus Ehrgeiz, aus dem Wunsche (um in der Sprache der New Yorker Ostseite zu reden), ihre „chochma" zu zeigen, auf verschiedene Weise, mitunter durch richtige kleine Handelsgeschäfte, schon während der Schuljahre selbständig verdienen. Die Wege hierzu sind oft wunderbar und unseren Begriffen von Standesehre sehr widersprechend. So weiß ich z. B. von Lyzeumsschülerinnen und Studentinnen, die Botengänge erledigen, ihre Kolleginnen morgens wecken und ihnen das Bad bereiten oder feine Wäsche waschen, und von anderen, die Hühner aufziehen und die Eier verkaufen, um ihr Taschengeld zu erhöhen. Als Abweichung von der amerikanischen Norm stößt die junge Jüdin gewöhnlich zuerst auf ihre eigenen Eltern. Sie, dio sich nicht mit der Raschheit der Jugend dem neuen Lande haben anpassen könne'?, tragen in ihrem Äußeren, ihrer Sprache, ihren Gewohnheiten und ihren Gefühl noch Spuren des Ghetto an sich. Ergo sind sie nicht amerika-