Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1917-1918
- Issue
- Heft 20-22 (25.7.1918)
- Article
- Die New Yorker Jüdin
- Date
- 1918-07-25
- Page
- Seite 500 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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einem intelligenten Menschen in Amerika aMe Türen offenstehen. Unter der, Protektion von Lehrern und anderen Gönnern gelingt es ihr, trotz (kr mißlichen häuslichen Verhältnisse, in ein * Mädchenlyzeum und auf die Universität zu gelangen und einen akademischen Grad zu erreichen. Um diese Schilderung auss meinen eigenen Erkundigungen nach der Verfasserin zu ergänzen, sei noch hinzugefügt, daß Mary Antin später einen clristliclien Deutschamerikaner geheiratet hat, daß sie für eine Reihe von Zeitschriften recht ansprechende Aufsätze schreibt und daß sie gelegentlich -in jüdischen Frauenvereinen, die sie für ihre Arbeit zu erwärmen suchen, eine mehr oder minder inhaltsvolle Rede hält. Diese ihre eigene Entwicklung erschien der Verfasserin offenbar als so erfreulich, daß sie glaubte, dem von ihr vergötterten Lande — „Vom Ghetto insLandder Verheißun g" heißt ihr Buch — eine Huldigung zu erweisen, indem sie ihr Leben in diesem Lände erzählte. Als ein Beispiel, zu welcher Höhe es die, welche sich seinem Geist überlassen, zu entwickeln vermag. Wahr ist es, daß diese Entwicklung einer eingewanderten Jüdin für Amerika typisch ist, und als ich eines Tages in einem riesigen Mädchenlyzeum auf der New Yorker Ostseite eine, Feier zur Huldigung des amerikanischen Götzen — des Sternenbanners — mitmachte und 1400 Mildeis, fast ausschließlich Jüdinnen der Eastside, vorbeimarschieren sah, auf den hochgereckten jungen Körpern blau-weiße MatrosenJüeider, auf dem Rücken saubere Hängezöpfe, im Kopfe eine Menge Französisch, Gliemie und Mathematik und im Herzen eine überschwengliche Begeisterung für „the star spangled banner", da kam es mir vor, als sähe ich 1400 junge Mary Antins vor mir. Alle auf dem Wege, intellektuell ebenso tüchtig und seelisch ebenso unbedeutend zu werden wie diese Frau, der es offenbar beim Schreiben ihres Buches niemals zum Bewußtsein gekommen ist, daß sie und ihre Familie in dem verachteten Ghetto Feinheiten des Gemütes besessen hatten, die ihnen erst das gelobte Land raubte. Ich habe durch intensive soziale Tätigkeit und durch die Bereitwilligkeit der Amerikaner, fremden Presseleuten Einblick in alle ihre Institutionen zu verschaffen, Gelegenheit gehabt, alle Entwicklungsstadien der eingewanderten Jüdin zu verfolgen und glaube, am besten (kirch Vorführung dieser Entwicklungsstadien die Erscheinung der amerikanischen Großstadtjüdin verständlich machen zu können. Vielleicht gibt es Im Westen und Süden Amerikas einige Abweichungen von diesem Bilde, da aber der große Einwandererstrom sich in die Städte des Ostens oä'ßießt, kann os sich da nur um' Ausnahmen von einer Regel handeln. Aus irgendeinem osteuropäischen .Ghetto kommen die kleinen Sarahs, Leahs oder Chajas im Zwischendeck nach Amerika. Sie bringen sich wenig mehr als die paar Lumpen, die sie auf dem Leibe t .r;;cn, das minimale Maß von Wissen, das sie in der Kinderschule . ".v.- .luilimen, an seelischen Werten die tiefe Ehrfurcht des jüdischen vor seinen Eltern, das Gefühl eines engen Zusammenhanges mit Angehörigen, die ganze Erbschaft an Religion, die es von seinen Vorfahren übernommen hat, und als lebendigstes, alle anderen über-