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Neue jüdische Monatshefte · 1918-07-25 · Heft 20-22 (25.7.1918) · p. Seite 479

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1917-1918
Issue
Heft 20-22 (25.7.1918)
Article
Die Westjüdin und die Idee
Date
1918-07-25
Page
Seite 479 (sequence 3)
Language
German
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in Palästina auch bei ungünstigsten Bedingungen — wie jetzt im Kriege — unerschütterlich glauben und arbeiten, bei drosselnden Steuern, Aiabergefahren, Bodenundankbarkeit, Seuchen von Mensch und Tier und .stetig drohender Verschlimmerung ihrer Zustände tapfer, willcnfcst undzukunftsgläubig sind — nur in dem einen nicht: Es gibt dort wenig Kinder. Sie glauben, ihren Kindern mehr als das Möglichste schuldig zu sein. Es fehlt ihnen eben doch noch am wirklichen Gottvertrauen und der notwendigen Vollständigkeit und ühbedingtheit des Jetzt. Sie heiraten nicht, weil sie voraussehen, vorausberechnen — o werden sie nicht einmal — wie Lenaus schöne Frau Anna — das Wehklagen der Kinder hören, die sie nicht hatten gebären wollen? Wenn in Ägypten nach dem Befehl der Erstgeborenentötung die Mütter so klug und gewissenszart gewesen wären, lieber gar keine Kinder mehr haben zu wollen, wäre Moses ungezeugt geblieben. Oder ein heutiges Beispiel: Friedrich Hebbel hat an den Folgen der Unterernährung und der anderen Leiden seiner Jugend sein Lebenlang getragen und auch sein vorzeitiges' Ende gehörte zu diesen Folgen. Wer hätte den Mut der Weichlichkeit, deshalb zu wünschen, er wäre lieber nicht geboren worden — eiff schauerlicheres Todesurteil als die Selbstverurteilung der europäischen Persönlichkeitskultur durch die automatische Versickerung seiner Erhaltungs- und Vennehrungslust mit der Zunahme seiner Art Geistesbildung kann wohl nicht gedacht werden. Gewiß ist der Vorwurf auch den Männern zu machen, aber — man wird mir zugeben: Vor allem den Frauen. Es rächt sich eben bei der Frau ganz besonders die Vorstellung, daß die Naturnähe, das geliebte Tagewerk, in wahrer Gemeinschaft an heiliger Stätte dereinst Wesen und Denkweise aller von Grund aus verwandeln werde. Nein, nein, von außen kann es nicht kommen! Ist unseren Frauen — wie ja uns allen — wirklich die Möglichkeit gegeben, überhaupt jemals das Ideal, das sie im Geist und Herzen tragen," vollkommen in äußeres Verhalten umzusetzen — so mu& es ihnen auch hier, jetzt, jeden Tag und in jeder Welt — also auch in Wirrwarr und Zerrissenheit des Galut — möglich sein, wahr zu leben, — so müssen sie das Übermenschliche zu Wege bringen: Das, was sie jetzt hier bis in den Kern fühlen, die Tragik des Zwiespalts also, der tausend Halbheiten unabgeschwächt, ohne Versöhnung und Vergleich im Täglichen auszudrücken. Ich sage nicht einmal: weil ihre kompakte Masse ja nicht heute und nicht übernächstes Jahr nach Erez JisiosI gehen kann. Es handelt sich darum, ob dasjenige Wesen, das die abstrakte Idee, das Bewußtsein des unendlichen Weges nicht als bewegende Kraft des Lebens empfinden kann, sondern begabt ist, den Geschehensreifen, dem Jetzt in allen Entwicklungsetappen seine vital-: Grundtiefe und unerschöpfliche Wahrheit der Erlebung zu geben, de¬ Befehl seines inneren Willens über Macht und Gesetz der äußren Welt zu setzen vermag. Wir brauchen uns nicht an Deborah, die Jir^Ir:;. von Orleans oder Judith zu erinnern, um zu wissen, daß es dies Icaas, Es müßte den Westlerinnen also z. B. als die einzige Lebens gliehkeit erscheinen — ich greife absichtlich nach der äußersten Konso-

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