Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1917-1918
- Issue
- Heft 20-22 (25.7.1918)
- Article
- Rahels geistiges Wesen
- Date
- 1918-07-25
- Page
- Seite 475 (sequence 12)
- Language
- German
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475 •V.TO wahren- Gegenstand auftreffen, und so gelangt Raheis Liebe am Ende so' selbstverständlich zu Gott wie ein müdes Kind am Abend' nach Hause. Daher auch das ganz einfache, stille, kindliche Verhältnis, das sie zu Gott hat, obwohl sie sich der Einsamkeit und Schwere des Gottgedankens in unserer Zeit voll bewußt ist. „Jeder muß sein« bildlichen Privatvorstellungen seines Verhältnisses zum großen Gott aus den Mitteln seiner Phantasie nehmen," sagt sie einmal der tiefen Ehrlichkeit ihres Wesens gemäß; aber daß dies Verhältnis ursprünglich jeder Seele eingepflanzt ist, ist ihr darum nicht zweifelhaft. Freilich ist ihr Gott so kein weltenübergreifender, gemeinsamer mehr und kann es nicht sein; aber die Unerschütterlichkeit ihrer eigenen Seele verbürgt ihn ihr nicht weniger sicher. Im Gefühl ist er ihr mit absoluter Evidenz gegeben, und der Verstand, der ja nicht einmal uns selbst ergründen kann, kann seine Evidenz nicht antasten. ,,S?.e' wundern sich, daß ich beten kann/4 schreibt sie einmal. „Geht unser Nachdenken über uns selbst doch oft so weit, daß wir keinen Beweis für' unsere Existenz haben, und wir müssen uns fühlen: heißt das nicht, uns selbst anbeten? Wenn das Bedürfnis aufs höchste gestiegen ist., fühlen wir Gott, und dann beten wir.4' So war auch Rahel als einer echt jüdischen Gestalt ihr Gott mitgegeben in einer schon entgotteteri Welt. Einzelne Erkenntnisse konnten diesem* Gott so wenig etwas anhaben wie die bitteren Erfahrungen an den Menschen (die sie nie beschönigt, sondern in ihrer ganzen Häßlichkeit gesehen und erlebt hat) ihrer innersten Überzeugung vorn Wert der Menschennatur. Ihr Gefühl ist nicht weniger im tiefsten wahr, ja-, wahrer als ihr Verstand, weil es unbeschränkter ist, und Gott ist ihr im tiefsten Liebes- und Wahrheitsgefühl ontologisci> erwiesen als das, was, indem wir es in uns offenbart finden, unendlich über uns hinausgeht. Und so finden wir sie von der untersten Wurzel bis in die oberste Krone ihres Wiesens empor immer die Eine, durch ihre Erlebnisse und Erkentnisse gleichmäßig an ein Ganzes angeschlossen- Sie, die jedes System, jede Systematisierung von Erkenntnissen ablehnte, ist in jedem ihrer Worte von dem durchgehenden Zusammenhang, der darauf beruht," daß sie selbst ein System ist. „Ein Gesetz", nennt Rahel diese unmittelbare Einheit der Persönlichkeit, ein von uns vorgefundenes, zu dessen ursprünglicher Vollkommenheit wir selbst „begeistet durch Eins" und Übereinstimmung'4 uns wieder zurückzufinden haben; zurückzufinden aus dem Chaos unseres Erdenaufenthaits, „den wir nur im Geiste richtig machen können; dadurch, daß wir sehen, daß er nicht richtig ist, und sich auf ein großes' Richtiges beziehen muß: denn wie kämen wir sonst zu diesem ewigen Bedürfnis dazu?" Dies Sehen des Falschen mit der Bürgschaft des Richtigen in unserer Brust ist ihr das menschliche Gesetz. Und so gelangt sie zu ihrer tiefen, ihrer Zelt weis vorausgreifenden, noch stammelnden Erfassung des Gewissens ab de? „Miteinsicht" in den Wjeltzusammenhang überhaupt. Nicht allein, ob wir recht oder unrecht tun, soll das Gewissen uns sagen und sagt es um, .sondern weit mehr. „Es ist wie Vernunft, ein letztes Ja oder Kein,tc