Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1917-1918
- Issue
- Heft 20-22 (25.7.1918)
- Article
- Rahels geistiges Wesen
- Date
- 1918-07-25
- Page
- Seite 473 (sequence 10)
- Language
- German
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für das Beisichsein des Geistes, sein natürlicher Zustand, während das Leiden, die Leidenschaft ihn jene äußerste, Verwirrung' bedeutet, die mit der Klarheit, der Erkenntnis zu durchdringen die mit dem Leiden selbst gegebene unmittelbare Aufgabe ist. Ihre ganze Natur drängt mit ursprünglicher Gewalt der durch das Dunkel der Verzweiflung verwischten und verlorenen Wahrheit und Klarheit zu, in der sie allein atmen kann. Ihr Geist arbeitet mit fieberhafter Kraft seiner eigenen Verletzung, dem zerstörenden Andrang des Lebens entgegen; sie selbst spricht einmal von dem seelischen Leid als einer Wunde, die jedes- Lebensprinzip fieberhaft -entzündet. Niemals arbeitet ihr Geist kräftiger und hellsichtiger als im' dunkelsten Leid. Es gibt nichts Erschütternderes, als inmitten des wehesten und klagendsten aller Briefe Raheis, wo ihr ganzes Lebensglück zertrümmert zu ihren Füßen liegt, wo sie ganze Tränenfluten über ihrem Herzen fühlt, das Wort aufgehen zu sehen: „Sie können sich, das ewige Erblühen meines Lebens gar nicht denken.44 Entgegen also dem schwächlichsten und'erbärmlichsten, dem eigentlich menschenunwürdigen Weg zur Verbindung des Leidens: dem Vergessen, geht der Raheis: was sie frei macht, ist die alle Geisteskräfte aufrufende und dadurch ins Universale aufsteigende Erinnerung. Sie? die von sich sagt: „Darum bin ich nur so erschrocken, wenn mir etwas widerfährt, weil es auf ewig ist" — muß sich den Stachel wach und wissend immer tiefer ins Herz drücken, muß alle Zusammenhänge ihres Leidens sich klar und klarer machen, muß es in immer höhere und weitere Wesenszusammenhänge aufsteigen sehen und unmittelbar im brennenden Leid die Wahrheitskraft des eigenen Geistes erleben: „und alles erinnert mich an alles.44 JSo spricht sie vom Leben der Menschen, der Staaten in einem Atem mit ihrem wilden, unergründlichen Schmers; es ist alles dasselbe, alles aneinander angeschlossen; nichts erscheint; ihr mehr einzeln, losgelöst vom andern; alles bietet sich ihr als ihr Eigenstes, Selbsterlittenes und das Selbsterlittene als jenes andere; und so durch die Gewalt des Leidens geschärft erblickt ihr Geist alles ineinander verschlungen zu einem Ganzen, in dem Glied *um Glied ineinandergreift, um zuletzt bei dem einzigen wahren Trost anzulangen: der Wahrheit. Derart erkennt sie, daß das Bittere, Verwirrte, Falsche«, das wir selbst durch unsere Irrtümer und Verfehlungen darauf gehäuft haben, abzutrinken vom reinen Kelch der Wahrheit, unsere menschlicho Bestimmung ist. Unverhofft wird's veilchenartig, aromisch, süß genug; und hell um uns her und ruhig nach dem herben, mutverlangenden Abtrinken ist reiner Grund und Wahrheit da." Und so wird ihr das Leid zur letzten Prüfung menschlicher Kraft. Es ist ihre innerste Überzeugung, daß jeder, um bis an die äußersten Grenzen seiner Kraft geführt zu werden, in dem gekränkt werden müsse, was ihm das •Empfindlichste, Unleidlichste sei. „Wie er da herauskomme, ist das Wesentliche.44 Dieser Überzeugung liegt wieder jene noch tiefere, zu innerst optimistische zugrunde, daß für Rahel der Grund des Menschen, nachdem der Irrtum abgeschöpft: die Wahrheit, nachdem das Böse, daa nur Verwirrung ist, abgeschöpft,'das Gute; nachdem das bittere Lqä