Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1917-1918
- Issue
- Heft 20-22 (25.7.1918)
- Article
- Rahels geistiges Wesen
- Date
- 1918-07-25
- Page
- Seite 472 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2908689-2908714-2908732-2911117--1855-2911161- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
fordert. So mußte auch sie sich entscheiden. In Goethes Leben war nach der ihr 'unzugänglichen Seite: nach der des freien Schöpfertums, dieser Konflikt gelöst. Sie aberf die von sich sagen darf: „Ich* bin so einzig, als die größte. Erscheinung dieser Erde. Der größte Künstler, Philosoph oder Dichter ist nicht über mir. Wir sind vom selben Element. Im selben Rang, und gehören zusammen," fährt fort: „Mir aber war das Leben angewiesen." Das Leben, das, sofern es ein Leben mit und für Menschen ist, knickt und biegt, verletzt und verschüttet, um so mehr, Je wacher der Geist, je zarter die Seele, je reiner und tiefer die Hingebung ist — aber auch das Leben/das eben dadurch alle Güte und Blüte ihres Herzens, alle Wahrheits- und Gerechtigkeitskraft der nach der Wahl Geliebten ans Licht trieb. Daß Goethe aus Glanz und Flut seines vollen, freientfalteten Lebens, aus aller über ihn ausgeschütteten Anbetung und Liebe der Menschen weit eher als Misanthrop denn als Menschenfreund endete, während Rahel aus ihren dunklen Bedrängnissen, aus Verrat und Zerstörung und bitterer Einsamkeit die innerste Liebe zur Menschheit, den unbeugsamen Glauben an ihr Gut- und Wahrsein erntete, erscheint als ein eigentümliches Zeichen für den Wert und das- Wesen des Menschlichen und gibt uns das flammende Signal, wo wir es zu suchen haben. Man denkt an den unheimlichen Ritter der spanfschen Sage, der mit einer furchtbaren Räuberbande in einer verlassenen Ruine hausend, in schwarzer Rüstung unheilbringend und polternd die ganze Umgegend in Schrecken versetzt, der endlich' gefangen und vor Gericht, gesteilt auf keine Frage antwortet, bis man ihm zuletzt gewaltsam das Visier öffnet und die Rüstung — leer findet. In diesem furchtbaren Augenblick, der keinem wahrhaft großen, for- ■ dernden Menschen erspart bleibt, hilft nur das Eine: sich selbst sofort mit aller Gewalt in die leere Rüstung zu drängen und so das in sich zusammenstürzende Menschentum aufrecht zu halten. Es ist der Weg der Liebe, der Menschenliebe, der Propheten- und Christusliebe, sich selbst einzusetzen in das, was man sucht, ersehnt Goethe ging abseits, wuchs hoch empor zu seinem eigenen gewaltigen Schöpferschicksal und Heß die leere Menschheit unter sich versinken. Rahel trat in die drückende schwarze Rüstung ein, trug alles Leid, alle Schmach, allen Verrat, nahm jedes fremde Leid, jede Klage anderer auf sich als die ihre und füllte das Menschentum Glied für Glied aus mit ihrer lebendigen Seele. Dies Leben auf den messianisch das' Menschentum ausfüllenden, es für die andern, ausfüllenden Menschen, auf die persönliche Bewahr- Iieitung des zuvor Geforderten hin war für Goethe keinesfalls das primäre, mit ihm gegebene — wie wiederum seine Lebensform die uor jüdischen Seele ursprünglich fremde ist So waren auch Leid und Fronde Rahel nicht wie ihm die mystischen, die Seele über sich selbst ^.besteigenden Kräfte, sondern nur solche, die wie alles Menschliche von der Wahrheit durchdrungen, zu sich geführt werden müssen. Sehr viel n^her als dem Goethes steht Raheis unmittelbares Verhältnis m den Auckten — wiewohl ^in ihrem Leben sehr anders realisiert — T/ledemm dexa Spinoza,3. Wie ihm ist ihr die Freude nur das Zeichen