Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1917-1918
- Issue
- Heft 20-22 (25.7.1918)
- Article
- Rahels geistiges Wesen
- Date
- 1918-07-25
- Page
- Seite 471 (sequence 8)
- Language
- German
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immer neuen Flammentod des niederen für das höhere Ich emporstieg: zum schöpferischen Zerbrechen der existentialen f]orm. Irgendwie fehlt hier die radikale Richtung des Bewußtseins gegen die Welt, das letzte brennende Erwachtsein; Goethes Weg liegt weit ab vom jüdischchristlichen, der von den Propheten über Christus hinweg bis zu dem. noch unerschienenen Messias immer der eine der Bewahrheitung durch die aller naturhaften Entwicklung entgegengewandte Person, der Weg vom Gegebenen fort zur lebendigen, menschlichen, zuvor gewissen Wahrheit ist *). In diesem Letzten ist Goethe die andere Seite der Welt, der indischen weit näher ..verwandt. Aber auch seine Geschichte, sein , Schicksal — und dies gehört untrennbar mit seinem Wesen zusammen — liegen auf der anderen Seite des Lebens. Goethe gehört auf-jene Lebensseite, von der Rahel selbst wehmütig ,sagt, daß sie darin ganz ignorant sei: auf die Seite der vollen, rückhaltlosen, rücksichtslosen Entfaltung des persönlichen Lebens, dorthin, wo das Leben in jeder seiner Bedingungen, joder seiner Formen, jedem seiner Schicksale vollkommen ausgeschöpft wird, wo Leid wie Glück gleichermaßen zur Steigerung, zur Erhöhung dienen müssen: alles unmeßbare Leid eingerechnet auf die Sonnenseite des Lebens. Raheis Leben dagegen liegt im tiefen Schatten der Entsagung, der Demütigung, des Verlassenseins, im Sturm des beständigen Geknickt-, Gebogen-, Verratenwerdens.. „Beugt Euch, Menschen, tief: dann könnt Ihr Euch erheben," ist für sie die zum wahren Leben leitende Lehre geworden. Und ihr Wort: „Nie hab' ich eigentlich einen Andern beleidigt oder ihm Wort gebrochen, aber mir selbst: und mit harter langer Strafe, d, h. mit notwendiger, unausbleiblicher Folge", erscheint als der genaueste Gegensatz zu dem. was Goethe von sich sagen könnte, der viele Menschen beleidigt, manchen das Wort gebrochen hat, aber gewiß niemals und nirgends sich selbst. Gerade hierin liegt auch einer der tiefsten Gründe von Raheis Bewunderung für Goethe: diese Lebensform, die alles Verwandte sich anbildet, alles Fremde und Störende abstößt: die organische Entwicklung und Verwandlung,!die nicht die Form des guten, sondern deri schöpferischen Lebens ist, war auch Rahel, der Schaffenden, Denkenden, über das persönliche Leben Hinauslebenden, als dämonische Sehnsucht nicht fremd; aber bei ihr war das Menschentum unendlich stärker 'als'das Schöpfertum, und sie erfuhr früh die ungeheuren, nicht wieder gutzumachenden Opfer, die eines dem andern mit Notwendigkeit ab- *) Wenn Spinoza hier eine Ausnahme zu machen scheint, dadurch, &;3 er Gott und Natur in eins setzt, so ist genau zu beachten, daß selbst; in dieser so stark von der Naturerfassung seiner Zeit bestimmten Lehre die Natur etwas durchaus anderes bedeutet, als den blind-schöpferischen AnstoS der Naturgesetzlichkeit. Nicht das Wesen der Natur bestimmt hier das Gottes, sondern das Gottes bestimmt die Natur; die Natur ist wahr nicht dadurch, daß sie i s t — sondern sie Ist dadurch, daß sie wahr ist. Auch hier also gibt die Wahrheit den alleinigen Antrieb — aber freilich so, daß durch ihr bloßes Sein-als Wahrheit alles Seiende bereits vergottet wird und dein Menschen nichts als das Teilhaben zugewiesen ist: hierin allein liegt Spinozas Abweichung vom eigentlich jüdischen Wege.