Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1917-1918
- Issue
- Heft 20-22 (25.7.1918)
- Article
- Rahels geistiges Wesen
- Date
- 1918-07-25
- Page
- Seite 470 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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yon -früher Jugend, .auf eigen .gewesen. Gerade darum mußte es. bei ihrer -ersten Bekanntschaft mit Goethes Werken, sie überwältigen, hier in größerem Maßstab derart das Eigene wiederzufinden, dadurch die wunderbarste Beglaubigung zu: erhalten, und auf diesem Weg ihm entgegenfiicgend durch seine größere Kraft und Vollendung wieder unermeßlich von ihm zu lernen. Was Kahel weiterhin an ihm als etwas nie zuvor Erlebtes hinreißen mußte, war eine zweite, hier noch gewaltiger -vergrößerte und dadurch gegen sich umschlagende Eigenart ihres Wesens;.die Abneigung gegen alles Systematische, Festgelegte? die bei ihr so weit ging, daß sie nie ein Werk irgendwelcher Art geschaffen, nur in losen, hingeworfenen, eigentlich hingeredeten Äußerungen und meist in Briefen ihre große Gedankenwelt niedergelegt hat — während bei Goethe das Gewaltige geschah, daß eine überschwengliche produktive Kraft gleichsam von selbst, ohne seinen Willen und fast gegen ihn rein aus ihrem schöpferischen Wesen selbst sein Leben unmittelbar in Gestalten und Werke ausgoß, die dadurch in nie erlebter Weise bis in die objektivste Spitze hinauf an einer geistigen Nabelschnur mit seinem Menschentum verbunden waren. So fand Rahel auch im gewaltigsten gestalteten Werk ihn, den großen Menschen selbst wieder. Und es war der große Mensch ihrer Zeit mit allen Problemen ihrer Welt, ihres Lebens. Das Größte, was uns geschehen kann: das Leben der eigenen Zeit vor unserem Blick die Gestalt der Ewigkeit an- .nehmen zu sehen, an unserem Ohr die -Sprache der Ewigkeit reden zuhören, ist Babels sehender und hörender Seele zuteil geworden im Augenblick, da sie zuerst mit Goethes Werken bekannt wurde; und lange, bevor andere ihn anerkannten, hat sie ihn erkannt. Das Eigene, das Menschliche hier so übermächtig bezeugt zu sehen, zwang Rahel ihr Leben lang zu G-oethes Füßen. Denn was sie suchte, war immer und überall der Mensch. Der sich, wahrhaft suchende und zu sich gelangende Mensch war ihr der Sinn und die Krone des Lebens, weil mit ihm das Leben auf dem Grund der Wahrheit, des .Guten selbst anlangte. . Dies aber ist nicht die Konsequenz, die Goethe aus seinem Menschentum zog; hier sind wir auf Goethes Wegen, an Goethes Bild selbst auf einmal weit von Goethe fort. Wenn Raheis tiefste Liebeöle Liebe zur Wahrheit als dem Grund und Zentrum des menschlichen Wesens ist, so ist Goethes Liebe in ihrer,.,höchsten Gestalt auf ein anderes Zentrum: gerichtet: auf den schöpferischen Kern des Lebens, der nichts rein Menschliches mehr ist. Seine tiefste Liebe sucht nicht mehr den Menschen, sondern die letzte mystische Vereinigung mit dem Sein überhaupt — einem Sein, das gleich sehr unter wie über dem mensch- Mchen ist. Goethes letzter religiöser Begriff ist nicht der der Wahr- '■o'tv sondern der schöpferische der Verwandlung: seine Erlösung ist ' eich Entfalten des lebendigen Kerns in immer neue, immer höhere •1 ■: >;ns£o7meiä, das Emporsteigen, aus dem untersten Dunkel .in immer l ":. to, gqlöstero Welten, das unmittelbare, sprunglose Fortwachsen C.Entdoehio. Es ist die dunkle Wonne der Zeugung, von deren Bild.. ex zvs gewaltigsten .Lebensentfaltung, zur höheren Begattung, zum.