Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1917-1918
- Issue
- Heft 20-22 (25.7.1918)
- Article
- Rahels geistiges Wesen
- Date
- 1918-07-25
- Page
- Seite 469 (sequence 6)
- Language
- German
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schneiden, sondern durch die. gleichmäßige und unmittelbare Eis* Stellung alles ihr Begegnenden und sie Fordernden in den Wahrheiis- Zusammenhang ihres Wesens. Es war nicht ihre Art, irgendeinen Inkdt von sich auszuschließen. Daß sie sich in solcher Fülle nie verlieren konnte, wie es ,das Schicksal so mancher ihrer romantischen (Zeitgenossen war, dafür sorgte eben die den ganzen Erkenntnis- und Erlebniszusammenhang durchwirkende Einheit ihrer. Person. Die Liebe, die Wahrhaftigkeit, diegöttliche Leichtigkeit ihres Golstes, die daraus entspringende Mühelosigkeit und tiefei Freude, mit der sie sich ins Innere der Dinge bewegte und kraft ihres durch und durch zentral bestimmten Wesens auch das Fremde immer in des Mittelpunkt traf, machen sie zu einer der größten kritischen Begabungen, die je gelebt haben. Aber vor allem auch den Menschen •gegenüber bewährte sich diese Festigkeit in der Fülle, diese aus Liebe, Geist und Wahrhaftigkeit geborene Kraft, das Innerste jeder individuellen Erscheinung zu lesen: Rahe! war nicht nur eine der größten Kritikerinnen, sondern auch eine der größten Trösterinnen, die je gelebt haben. Sie wußte in jedes Leid den allein lindernden Tropfen seiner eigenen Wahrheit zu gießen, die immer zugleich eine von ihr selbst erlebte war. Denn die größte Tiefe des Leides war Rahel nicht fremd, und nur eins fehlt in ihrem Leben, das doch wie wenige zu seinem Empfangen offen war: das Glück. Mit dem Glück meine ich das Maß von Glück, dessen sie fähig war durch ihre unendliche Liebeskraft, die ihrer Wahrheitskraft in nichts nachstand. Nichts war diesem begnadeten Herzen zu groß und nichts zu gering, es zu lieben. Ihre Liebe für das Große ist eins mit ihrer Kraft zur Wahrheit, die an der Fülle auch des Erscheinenden sich unmittelbar als reinster Schönheitssinn bewährt. Ihre Liebo für das Kleine streift nahe an den spezifisch wissenschafliehen Sinn — nur daß auch hier nie etwas vereinzelt blieb. Aber es zog sis keineswegs nur das an sich schon Schöne oder Erhabene an. Von früher Kindheit an liebte sie es, Leichen zu sehen — ein Zeugnis, wie sehr diesem höchst synthetischen Geiste zugleich die analytische Begabung zugeteilt war, ohne die auch die Prägnanz ihrer Kritik ^icht denkbar wäre. Sie selbst sagt: „Ich habe mich von unter heraufgearbeitet.14 In dieser Arbeitsweise, in ihrem Sinn und ihrer Liebe für dr.s Kleine wie das Große als gleicher Offenbarungskraft fähig, berührt-sie sich mit dem, der auf ihr Leben den bedeutsamsten Einfluß gehabt, au." ihren Geist den gewaltigsten Eindruck gemacht hat: mit Goethe. Sola Einfluß auf Rahel. ist so bekannt; man ist so sehr gewohnt, Rahe! mit ihm zusammen zu nennen, von ihm abhängig zu denken, daS ein .genauerer Blick auf diesen Zusammenhang nötig ist-- Vorausgeschickt sei Raheis eigenes erleuchtendes Wort: „Der Stern im Leben ist er, «aber ohne ihn muß man alles sein.4' Hierin drückt sich das aus, was von vornherein bei Raheis Wesen klar ist: daß der gewaltige Eindruck Goethes auf sie nur möglich sein konnte auf Grund von ihr unmittelbar nachzulebenden Einsichten und Anschauungen. So ist das Sich-voaunten-Heraufarbeiten, die Liebe und Andacht für das Kleine Rahel