Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1917-1918
- Issue
- Heft 20-22 (25.7.1918)
- Article
- Rahels geistiges Wesen
- Date
- 1918-07-25
- Page
- Seite 467 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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467 noch von Werken, weil niemanä ihr Herz und ihren Geist, wie sie selbst sagt, anders als durch Gründe regieren konnte. „Gründe" aber bedeuten für* Rahel das, was sie unmittelbar selbst einsieht. Nichte konnte über sie •Gewalt haben als das von ihr als wahr Erkannte. Aus dem Ungeheuern geistigen Besitztum ihrer Zeit, das sie wie nur wenige in sich aufgenommen hat, konnte so nur das ihr Eigentum werden, was unmittelbar ihr eigen war, und nur der weite Umfang ihres' Geistes machte, daß wiederum nichts von den großen Grundrichtungen ihrer Zeit darin fehlte. Es wäre schwer zu sagen, wo Fremdes In ihr Wesen eingeströmt ist, da es "im Augenblick, wo es in sie eingetreten war, nichts Fremdes mehr war. Der leidenschaftliche Wahrhoitswille ihres Geistes duldete nichts von persönlicher Einsicht nicht Durchdrungenes. Dies gibt uns die Möglichkeit, sie, die vollkommene Repräsentantin der vertieften und vereinsamenden Kultur der Romantik, die Schülerin Goethes, Fichtes, Kants und Jean Pauls, die heiße Bewundererin Shakespeares, Victor Hugos und der ganzen französischen Kultur, als eine geistig und .•seelisch völlig klare und einzige Gestalt inmitten all dieser Strömungen zu sehen, nirgends von ihnen fortgerissen, niemals und an" keinem Funkt ihres Lebens von ihnen überschwemmt Dieser strenge sichtende und richtende Wahrheitswille, der sie immer und überall sie selbst sein und alles Fremde nur als Eigenesin •sie eingehen läßt, ist zugleich der Kernpunkt ihrer Größe. Es ist ihre ,eigene und immer wieder ausgesprochene Überzeugung, daß sie, die sich ihrer Einzigkeit,' ihres hohen menschlichen Wertes durchaus bewußt war, in nichts einzig sei als in dem, was ihr alle Menschen nachmachen könnten: in der unbedingten Wahrhaftigkeit, der unbestechlichen Redlichkeit, dem reinen Willen und Mut zu sich selbst. Hierin sieht Rahel nicht nur den Weg zu ihrer eigenen Einzigkeit, sondern •auch den alleinigen Weg jedes menschlichen Wesens zu der seinen. Und wenn sie einmal gegen das Ende ihres Lebens hin sagt: „Abends '■dank ich Gott, daß ich nicht mehr Arges, Verwirrtes weiß, und für .jedes bißchen Kinderunschuld," so hat sie für diese Kraft ihres Wesen?, durch die sie auch alles Fremde rein und taufrisch, unschuldig und ohne Verwicklung und Selbstbetrug ergriff, für dies unmittelbare Jkisichsein ihres Lebens gedankt. Durch diese einzige Kraft, Eigenes und Fremdes gleichermaßen mit der eigenen Wahrheit zu durchdringen, mußte ihr das Verstehe«! überhaupt zur alles zu sich führenden, reinigenden und erlösenden Kraft werden, aus der sie die tiefste Gewißheit ihres Lebens schön*'o: Käme, nur alles und jedes zu sich, so käme auch alles zum Guten, zvr Wahrheit. Daß soviel Unrecht, Schuld und Verzweiflung in der Welt ist, 'liegt nur daran, daß alles „unter dicker Rinde der höchsten Verwirrung, in einem Abgrund von Gemengsei und Verfehlung" verhör,' vi ist und das darunter liegende Reine und Wahre nicht gesehen wird. Nie hat Rahel an der ursprünglichen Güte und Wahrheit des menschlichen Wesens gezweifelt trotz all der unendlich bitteren und voll ausgeschöpften Erfahrungen, trotz Lüge und Verrat, die ihr zärtliches Herz, so überreichlich trafen. Immer blieb es ihr gewiß: Jeder Mensch ist ven