Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1917-1918
- Issue
- Heft 20-22 (25.7.1918)
- Article
- Rahels geistiges Wesen
- Date
- 1918-07-25
- Page
- Seite 466 (sequence 3)
- Language
- German
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Es hängt tief mit dieser Ausschließlichkeit zusammen, ja, ist im Grunde ihre Vorbedingung, daß die Wahrheit von allen großen jüdischen Geistern bis herab in die religiös völlig* gelockerte Neuzeit niemals draußen gesucht wird, daß jeder sie schon als sein innerstes Eigentum besitzt. Kein großer Jude hat jemals G-ott gesucht;, jedem war sein Gott mitgegeben. Selbst an einer so rein philosophischen, von aller religiösen Überlieferung so radikal losgerissenen Gestalt wie Spinoza ist dies zu sehen: auch bei ihm die zuvor gewisse Wahrheit, der zuvor besessene Gott, dessen gewaltiges Erlebnis in die dürren, spitzigen Formeln seiner Schulphilosophie nirgends ganz eingehen konnte, .überall darüber hinausbrenxien mußte. Man vergleiche damit den, von dem er kam, und den, zu dorn er ging: Doscartes und Fichte. Beide — selbst der tief gewisse Geist Fiehtes — gingen zunächst aus vom Zweifel an der Wahrheit überhaupt; beiden erobert siei erst das erkennende und tätige Ich; Spinozas Wahrheit dagegen liegt aller Erkenntnis und Tätigkeit voraus, und was an seiner Lehre, an seinem Gott als starre Objektivität gesehen v/ird, ist nur der äußerste Ausdruck der subjektiven Gewißheit Mit der in dieser Gewißheit wurzelnden Ausschließlichkeit-hängt ferner zusammen, daß das Verhältnis zur Wahrheit, das auf früher Stufe Gehorsam ist, je mehr sie sich dem menschlichen Herzen selbst entgegenneigt, sich zur brennenden Liebe entzündet. Dies ursprüngliche Verhältnis der Seele zur letzten Wahrheit als dem höchsten Ziel der Liebe, in dem noch zwei so durch nichts anderes mehr verbundene Erscheinungen wie Paulus und Spinoza geeint sind, ist am ewigsten ausgedrückt' in dem höchsten Liebesbegriü des Paulus vom Erkennen, gleich wie ich , erkannt bin; im Schauen von Angesicht zu Angesicht; aber auch der soviel kühlere ErkenntiushegriS des amor dei intellectuaiis nennt umgekehrt, aber die gleiche Identität schaffend, die höchste geistige Sehnsucht nach, der Wahrheit Liebe zu Gott. Diesem unverwandt nach oben gerichteten Liebesblick der Seele aber verbündet sich als dritter jener imirdisclie Zug, der als die strahlende Krone der düsteren Ausschließlichkeit keinem großen jüdischen Geist gefehlt hat: die Festlichkeit des Herzens, das reine Glück des Erwähltseins, die ziehende, brennende Freude im Geist. Mit diesen drei Grundzügen des jüdischen Geistes: Wahrheitsdrang, Liebe und Freude, vereint hervorbrechend aus der Nacht dunkelsten Schicksals, sind zugleich die Grundzüge von Raheis Wesen I:lar gegeben. In diesen Grund läßt sich alles einzelne ihres Wesens rein einzeichnen. Und dies, obwohl Rahel einerseits eine so völlig originale Gestalt», andererseits ein so treuer Spiegel ihrer Zeit und Kultur b'j wie' wenige Menschen. Denn gerade dies beides ist sie auf Grund : :ricr alles durchdringenden innersten Wahrhaftigkeit, die alles um sie -■■^c und in ihr gleichmäßig erleuchtet und zu sich führt, die sie aus der \ geistigen Inhalten knd Menschen so reichen Zeit zwar alles in sich ■ wirken, aber nur m sich selbst geläutert wieder aus sich heraus- '.:., :':on V:.')L' So durchdrang sie, indem sie sich mit der Kultur ihrer durchrang, zugleich ihrerseits diese Kultur. Und dies, weil sie im -v±n überhaupt nicht zu beeinflussen war — weder von Menschen