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Neue jüdische Monatshefte · 1918-07-25 · Heft 20-22 (25.7.1918) · p. Seite 465

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1917-1918
Issue
Heft 20-22 (25.7.1918)
Article
Rahels geistiges Wesen
Date
1918-07-25
Page
Seite 465 (sequence 2)
Language
German
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465 denselben überall und immer wieder gewaltsam zurückgedämmten und um so reißender sich seinen Weg suchenden Strom: die lebendige Kraft zur Wahrheit/ Die Kraft zur Wahrheit aber ist im Grunde die zentral menschliche überhaupt — und wenn wir sie für das jüdische Wesen in besonderem Maße in Anspruch nehmen, so bedeutet dies nichts anderes, als daß hier das zentral Menschliche selbst ohne Umrankung und Schmuck mit größerer Gewalt und Tiefe ausgeprägt ist. Und zwar ist dies durch Anlage wie durch Schicksal gleichmüßig bedingt. Das jüdische Wesen besitzt eine vitale Kraft ohnegleichen; ein schwächerer Strom wäre unter solchem Andrang längst versiegt; wo nun diese ganze gesammelte Lebenskraft, von. allen Seiten her auf das Innerste des Menschentums zusammengepreßt, sich auf das Eine richtet, reine Intensität wird, da entstehen jene gewaltigen Gestalten, Schicksale und Offenbarungen, jene ganz reingewordenen Seelen, in denen kein Volk <Ier Erde mit reicheren Kräften und Möglichkeiten dem jüdischen gleichkommen kann. Die Kraft zur Wahrheit, durch inneren Ruf allem Menschlichen gegeben, wird hier, durch gewaltigeren Druck getrieben, durch äußere Schicksale vertieft, zur brennenden Ausschließlichkeit. Nicht umsonst steht Abrahams Opfer, seine fraglose, rasende Bereitschaft für den Einen Gott am Eingang der jüdischen Geschichte, und wir verstehen an diesem, warum wir Geliebte sein sollen, um der Väter willen. Aber auch der tiefere Grund dafür, daß die Juden Feinde sein mußten um der Heiden willen, wird hier schon sichtbar. Buntere, losere, glücklichere VöDcer können dies Fremdwesen auf Erden schwer verstehen, das an sich das verkehrslose, formfremde ist; sie mußten auf alle Weise versuchen, es sich gleich zu machen, und da dies nicht gelingen konnte, es unter sich herabzudrücken. Dies freilich gelang nur zu leicht; rein durch sein größeres moralisches Gewicht sinkt der Jude in jeder Abweichung vom Guten sofort tiefer, rein durch seine ursprüngliche Fremdheit im Irdischen verwickelt er sich darin sofort hoffnungsloser und häßlicher, und selbst durch seinen feiner organisierten, biegsamen Geist, der, auf das Rechte gerichtet, der tiefste Kätselerrater, auf das Unrechte gerichtet, der würdeloseste Pfadmachor werden kann, ist er leichter verderblich. So versteht man, warum: gerade das auserwählte Volk zu Feinden werden mußte, deren Süh£ob erst, wenn alle Völker eingegangen sein werden, weggenommen wer- ' den, die erst daxin wieder an ihre Stelle als nach der Wahl Gehabte eintreten sollen: weil gerade im zum Höchsten erwählten Volk auch der tiefere Abgrund' zwischen Gut und Böse klaffen muß und dies Volle als Ganzes gewiß am spätesten das welterlösende Vorbild seiner eigenen Kraft erreicht haben wird. Darum können wir einstweilen wie bei a allen Völkern — und noch mehr als bei diesen — nur an seinen einzelnen großen Gestalten als an seinen wahren Repräsentanten uns seine großen Grundzüge vergegenwärtigen, die alle in dem einen wurzeln: de? absoluten Ausschließlichkeit des Wahrheitswillens, des Dienstes am Höchsten, die Moses Und Christus mit so nahverwandten Worter?, ds Loslösung von allem sonst noch Gehebten gefordert haben.

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