Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1917-1918
- Issue
- Heft 20-22 (25.7.1918)
- Article
- Die Religiosität und die jüdische Frau
- Date
- 1918-07-25
- Page
- Seite 461 (sequence 3)
- Language
- German
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Nun zeigt sich aber in den neueren Zeitläuften dieses erfreuliche •Bild völlig" geändert. Ich denke dabei weniger an jene jüdischen Frauen, die sich anno dazumal in den literarischen Salons und heute in den literarischen Cafes, nach männlichem Vorbilde, zur Irreligiosität angeblich durchgedacht und durchentwickelt haben. Nicht auf diese vom Volke Abgelösten kommt es an, sondern auf die große Menge jüdischer Frauen und Mädchen, die — ferne aller eigenen oder adoptierten Geistestätigkeit, wenn auch zum Teil unter Vorwendung und im Schatten der Aufklärungsphrase — sich allmählich die ursprünglich« ■religiöse Freude am religiösen Brauch, den volkhaften Sinn für die Wahrheit des Symbols und im besonderen noch den Gemütszusamraenhang mit dem innersten Leben des jüdischen Volkes abgewöhnt haben und abgewöhnen. Während man für das Tüftelspiel jener mit Unglauben und Willkürglauben nur ein Achselzucken haben darf, ist die in diesen .sich offenbarende Schwindsucht gelebter Religion eine Tatsache, die man nicht genug ernst nehmen kann. Für den Westen läßt sich ja der Anteil dieser besonderen Tatsache an dem allgemeinen Niederbruch, den hier die jüdische Religiosität -erlitt, aus unmittelbarer Anschauung nicht mehr feststellen. Das Zerstörungswerk ist hier so gut gelungen, daß wohl hie und da noch etwas zu zerstören, in der Hauptsache aber nur ein weites Leichenfeld der „Jüdischkeit" übrig geblieben ist, das über Unterschiede in den Verantwortlichkeiten nichts mehr aussagt. Man ist auf mühselige Prüfung der noch vorhandenen kärglichen Lebensreste und sonst auf Erinnerungen und Überlieferungen angewiesen.; Außerdem wird man woTu aus den entsprechenden Vorgängen in der jüdischen Gegenwart des Ostens, die man ja unmittelbar beobachten kann, Schlüsse ziehen dürfen. Denn so sehr ich mich immer und immer'wieder dagegen sträube, aus -dem Verfall des Westjudentums die Notwendigkeit und Bestimmtheit ostjüdischen Verfalls zu folgern, so wenig kann ich mich der Einsicht verschließen, daß wir aus der Art, wie sich heutzutage auch in der Ostjudenheit gewisse Verfallserscheinungen geltend machen, ziemlich, genau die Art kennen lernen, wie seinerzeit das Westjudentum abwärts glitt. Oder anders ausgedrückt: Ich leugne ja nur, daß die Ostjuden in Zukunft das gleiche Schicksal erwartet wie die Westjuden, nicht aber, daß sie in der Gegenwart manche Anläufe nehmen, die Ihnen, wären alle übrigen Bedingungen gleich, dasselbe Schicksal bereiten müßten. Auch der Osten hat seine jüdischen Irreligiösen aus Intellektualismus, und es kann für denjenigen, der die'dortigen Verhältnisse genau kennt, keinem Zweifel unterliegen, daß der Prozentsatz der Frauen unter ihnen ein weit größerer ist als im Westen. Doch auch für den Osten, ja für diesen besonders, kommen die mannigfachen-Verkünderinnen moderner Welt- und Lebensweisheiten gegenüber denjenigen Frauen nicht in Betracht, die sich in mehr oder weniger langsamen Schritten „frei" machen, ohne von der Freigeisterei als Lehre etwas zu wissen, oder davon mehr als einen dunklen Stimmungsniederschlag zu kennen. Erst, was'wir bei diesen sehen, gibt uns eine Vor-