Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1917-1918
- Issue
- Heft 19 (10.7.1918)
- Article
- Jüdische Volkskunde im Lichte der neuesten Forschung
- Date
- 1918-07-10
- Page
- Seite 450 (sequence 4)
- Language
- German
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I Indem und in der Neuzeit noch bei den Esten, Hereros, Indianern und den Südsee-Insulanern. Durch diese besondere Kopftracht der Ehefrau sollte sie sich äußerlich von den Mädchen unterscheiden, welche das Haarstets lose und unverhüllt trugen. Ein Hochzeitsbrauch, der ßich bis auf den heutigen Tag in der Judcnheit erhalten hat, ist das Beschütten des Brautpaares mit Getreidekörnern. Die Juden des deutschen Mittelalters nannten es das „Manen". Auch bei den germanischen Völkern ist dieser Brauch heimisch. Gemäß den Zeitungsberichten hat der deutsche Kronprinz seine bräutliche Schwester mit Reiskörnern bestreut. Diese Sitte, das Brautpaar mit Getreldekömern oder Reis zu bestreuen, die sich bei allen Kulturvölkern und bei vielen Primitiven findet, gründet sich auf die imitativ^ Magie, die von dem Prinzip ausgeht, daß Ähnliches "auch Ähnliches zu erzeugen vermag. Die fruchtbaren Körner sollen die Fruchtbarkeit, den Kinderreichtum erwirken. Auf Grund einer ähnlichen Anschauung lehrt R. Bar Kappärä im Talmud: „Man. möge eine Frau am fünften Tage in der Woche ehelichen, da Gott an diesem Tage bei der Weltschöpfung die Fische mit den W.orten segnete: „Seid fruchtbar und mehret euch". Daher wurde in alten Zeiten dem Brautpaar am Hochzeitstage eine Fischmahlzeit dargereicht. Kinderreichtum in der Ehe zu fördern, gilt als eine religiöse Pflicht. Aus diesem Grunde wurden solche uralten, aus primitiver Zeit stammende!! Volksbräuche, die den Kindersegen bezwecken sollten, von den Rabbinern geduldet, ja sogar begünstigt und anerkannt. Es gibt gewisse primitive Anschauungen, in denen die gesamte Menschheit bis vor etwa 100 Jahren befangen war und mit denen erst das wissenschaftliche Zeitalter des letzten Jahrhunderts endgültig aufgeräumt hat. Ich erwähne nur den Glauben an böse Geister, Hexen; und Zauberer. Auch das Judentum teilte diese Vorstellungen. Davon haben sich nur wenige Geistesgrößen wie Maimonides frei machen können. Da nun gemäß der früher allgemein verbreiteten Anschauung* ein Zauberer, wenn er der abgeschnittenen Fingernägel einer Person habhaft wird, diese Person wirksam zu behexen vermag, so pflegten die Juden genau so wie die anderen Völker seit den ältesten Zeiten die Fingernägel, die sie sich abschnitten, zu verbrennen oder sorgfältig zu vergraben. . Urisraeliüsche Anschauungen und Bräuche aus heidnischer Vorzeit fristeten noch lange ihr Dasein bei der israelitischen Landbevölkerung, die mit dem Reste der heidnischen Urbevölkerung am längsten m Berührung stand und fast durchweg der Tora unkundig war. Die primitive Anschauung, die sich bis in die Neuzeit bei allen Völkarn erhalten hat, daß nämlich vor allem der Kranke, die Wöchnerin, das Sind und da3 Brautpaar von Dämonen bedroht sind, kennt auch die Jüdische- Volkskunde. Zum Schutze gegen die Dämonen legten die verschiedensten' Völker unter das Bett oder in das Bett solcher von Unionen gefährdeten Personen ein spitzes Eisen, Messer oder Schwert Amulette. Der Bräutigam trug am Hochzeitstage eines dieser . ■ C. ^o^itündo. 'Dem- Kinde, das schon laufen konnte, band man «ein «lünletfc um, Alle diese Abwehrmittel waren auch bei den ungebildeten