Mannheim
Compact Memory

Neue jüdische Monatshefte · 1918-07-10 · Heft 19 (10.7.1918) · p. Seite 449

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1917-1918
Issue
Heft 19 (10.7.1918)
Article
Jüdische Volkskunde im Lichte der neuesten Forschung
Date
1918-07-10
Page
Seite 449 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2908689-2908714-2908731-2911066--1820-2911098
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

daß die Leidtragenden beim Begräbnis schwarz gekleidet seien. Dieses war bereits bei -den alten Römern und den Israeliten vor mehr als 20.00 Jahren üblich. Die Völkerkunde belehrt uns nun, daß der Primitive sich bei Todesfällen Körper und Gesicht schwärzte oder mit Asche bestreute. Hierdurch wollte er sich entstellen, um einerseits von dem Totengeiste, der die überlebenden Verwandten heimsucht, nickt erkannt zu werden, andererseits um dessen Mitleid zu erregen. Dieser ursprüngliche Sinn war aber den Israeliten bereits in alttestamentlichc? Zeit verloren gegangen, sie sahen in der dunklen Farbe nur noch das Sinnbild des Trübsais im Gegensatz zu der lichten, hellen Farbe, die sie als das Symbol der Freude betrachteten. Vor etwa 2000 Jahren war es bei den Juden üblich, Myrthenzweige auf den Sarg des Toten zu legen. Es wurde sogar an den Festtagen erlaubt, zu diesem Zwecke Mvr'thcnzweige abzuschneiden (Beza 6 a). Dieses geschah angeblich zur Ehrung des Toten. Der ursprüngliche Sinn dieses Brauches lebte aber noch bei den Griechen und Römern fort, welche die Leiche mit Myrthcn bekränzten und auch auf Myrthenzweige legten, weil bei ihren die Myrthe wegen ihres scharfen Geruches als ein Abwehrmittel gegen die Dämonen galt8) Uns allen ist die altdeutsche Sitte bekannt, dem Niesenden „prosit" oder „zur Gesundheit" zuzurufen. Niemand von uns weiß dafür den Grund anzugeben. Auskunft hierüber gibt uns der Glaube der Primitiven, gemäß welchem das Niesen auf dämonische Einflüsse zurückgeführt wird. So herrscht bei den Indianern, Polynesien^ Negern, den alten Indern, Griechen und Römern die Vorstellung, daß beim Niesen ein Krankheitsdämon im Begriff sei, durch die Nase in den Körper zu fliegen. Der Grieche und Römer suchte daher durch Unheil abwehrende Zurufe die schlimme Ursache des Niesens unschädlich zu machen, wie .„Zeus errette dich", „bleib leben" oder „bleibe gesund". Der Isländer ruft dem Niesenden zu: „Gott helfe dir". Auch im alten Judentum war dieser Aberglaube vorhanden. Dem Niesenden wünschte man „Gesundheit". Die ältesten Schriftgelehrten bezeichneten jedoch diese Sitte als heidnisch. Erst als die ursprüngliche Bedeutung dieses Zurufes in Vergessenheit geraten war, gestattete man ihn. Einzelne religiöse Pflichten, die mit einer Peinlichkeit von gesetzestreuen Juden geübt werden, erscheinen im Lichte der Volkskunde eigentlich nur als ursprünglich harmlose Sitten, oder auch c-Js magische Handlungen, die im Laufe der Jahrhunderte geheiligt wurden, da sie scheinbar zur Förderung eines religiösen Gebotes beitragen. Es ist bekannt, daß eine orthodoxe Ehefrau ihr Kopfhaar stete verhüllt haben muß und zu diesem Zwecke eino Perücke trägt. Sie darf nicht mehr mit losem Haare gehen. Di• Lübecker Frauenchewra nimmt nur solche Ehefrauen als Mitglieder an, die dieses religiöse Gebot erfüllen. Dieses scheinbare Religion?- gesetz entpuppt sich als eine alte Sitte, die im Altertum bei den verschiedensten Völkern üblich war, so bei den Römern, Germanen, alten 3) Fehrle, Kultische Keuschheit p. 2-iOf; Plinius XXXV 100, Krepatschek. De amul. 1907, 54-, 65.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.