Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1917-1918
- Issue
- Heft 19 (10.7.1918)
- Article
- Jüdische Volkskunde im Lichte der neuesten Forschung
- Date
- 1918-07-10
- Page
- Seite 448 (sequence 2)
- Language
- German
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Umwelt genötigt war, die monotheistischen Lehren unter seinen Anhängern zu festigen und sie vor dem Eindringen heidnischer Elemente sorgsam zu behüten, hatte es solche Bräuche, die irgendwie das Aufkommen heidnischer Vorstellungen begünstigen konnte, nicht geduldet. So war es deshalb den.Juden verboten, Kränze auf das Grab, zu legen, weil die Römer die Grabmäler und die Manen der' Abgeschiedenen mit Kränzen verehrten (Plinius N. H. XXL 3). Den Juden war es strengstens untersagt, eine Figur zu besitzen oder herzustellen, nicht einmal das Bildnis seiner Eltern oder nächsten Verwandten, weil damals die heidnischen Völker Ahnenbilder göttlich verehrten und so der Jude dazu kommen konnte, gegen das zweite Gebot zu handeln *). Die sittlich religiöse. Weltanschauung des offiziellen Judentums, die den Aberglauben überwunden, soll durch folgende Erzählung des griechischen Schriftstellers Hekataios beleuchtet werden. Unter dem Heere Alexanders d. Gr. befand sich — wie er berichtet — ein Jude, namens Mosollam, der als der beste Bogenschütze galt. Als das Heer auf einem Kriegszuge marschierte und ein Wahrsager, der den bedeutungsvollen .Flug der Vögel beobachtete, alles stillstehen hieß, fragte der Jude, weshalb man denn plötzlich raste. Der Wahrsager machte ihn nun auf einen bestimmten Vogel aufmerksam und erklärte ihm, wenn dieser sitzen bleibe, wto er sich jetzt befinde, sei es auch für sie ratsam, nicht weiterzuziehen; wenn er aber sich erhebe und vorwärts oder rückwärts fliege, müßten sie dementsprechend weiterziehen oder umkehren. Ohne ein Wort zu sagen, spannte der Jude den Bogen und schoß den Vogel tot. Hierüber wurden der Wahrsager und viele andere ganz aufgebracht, er aber entgegnete: „Was seid ihr doch für törichte Menschen, daß ihr euch mit diesem Unglücksvogel einlaßt! Wie könnte er, der nicht einmal voraussah, was seiner eigenen Rettung diente, uns einen vernünftigen Rat in betreff unsers Marsches geben? Denn wäre er imstande gewesen, die Zukunft vorher zu wissen, so hätte er sich wohl nicht an diesem Ort niedergelassen aus Furcht, der Jude Mosollam könnte ihn mit seinem Pfeilschuß töten" 2). Von diesem seinen Gottesglauben war hauptsächlich die geistig hochstehende Oberschicht des jüdischen Volkes ganz durchdrungen. An Bräuchen, deren heidnischer Charakter längst in Vergessenheit geraten war, nahmen die Gesetzeslehrer keinen Anstoß. Genau so sind bei den. heutigen Kulturvölkern noch manche uralte Sitten in Mode, die eigentlich nichts anderes sind als Überbleibsel aus der prähistorischen Periode der Primitiven. Ich will dieses durch einige Beispiele beleuchten. Wir pflegen uns, um uns an etwas Dringendes zu erinnern, einen Knoten ins Taschentuch oder an der Uhrkette zu machen. Der Brauch des Knotens als Erinnerungsmittel wird bereits vor 2000 Jahren m jüdischen Quellen erwähnt Er geht aber auf die primitive An- ■ zchramng zurück, daß man durch , einen magischen Knoten nicht nur Porbonen, sondern auch einen Gedanken fesseln kann, so daß er dem Gedächtnis nicht entschwinden könne.- Die heutige Sitte schreibt vor, 1) Jüscphii3 Contra Ap. II 6, Josof Trani, Seelot u- Tesubot Meherit JIc 85. 2) Joöephu?» Contra Ap.I 22.-