Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1917-1918
- Issue
- Heft 19 (10.7.1918)
- Article
- Jüdische Volkskunde im Lichte der neuesten Forschung
- Date
- 1918-07-10
- Page
- Seite 447 (sequence 1)
- Language
- German
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Jüdische Volkskunde im Lichte der neuesten Forschung von Dr, J., Scheftelowitz, CöJn |jp^3u den vielen üeuen wissenschaftlichen Zweigen, die das 19. Jahrmf^k hundert hervorbrachte, zählen die Ethnologie oder Völkerkunde und die Volkskunde. - Erstere gibt uns Kenntnis von der Lebensweise, 'der Religion, dem Kulte und den Riten der Naturvölker fremder Erdteile. Gleichzeitig gewährt sie durch Vergleichung der Vorstellungen der verschiedensten Naturvölker untereinander einen Einblick in die Naturreligion und in die Denkweise der Primitiven, deren . Nachwirkungen sich noch in sämtlichen Kulturreligionen aufdecken lassen. Etwa zu gleicher Zeit wie die Ethnologie erstand die Hilfswissenschaft der Volkskunde. Während sich jene mit den primitiven Völkern befaßt, beschäftigt sich die Volkskunde mit den Sitten und Bräuchen eines Kulturvolkes. Ihre wissenschaftliche Aufgabe besteht darin, die unteren Strömungen kultureller Entwicklung eines solchen Volkes bloßzulegen und aus ihnen die älteren religiösen Ideen, die Reste der Naturreligion, die ehemalige Weltanschauung und den Charakter des Volkes zu erschließen, Ethnologie und Volkskunde gehören zu den wichtigsten Quellen der vergleichenden Religionswissenschaft. Anfänglich waren diese beiden Wissenschaften unter dem Namen „Völkerpsychologie" vereinigt, deren Begründer bekanntlich Steinthal und Lazarus warön. Material zur jüdischen Volkskunde ist in den letzten Jahrzehnten reichlich zusammengetragen worden, allein der Wert und die Wichtigkeit der jüdischen Volkskunde für die Geschichte der jüdischen Religion ist . bisher kaum behandelt worden. Um sie dereinst möglichst erschöpfend darzustellen, sammle ich schon seit langem Material. Die Bedeutung einzelner jüdischer Sitten und Bräuche vor Augen zu führen, sei der Zweck meiner jetzigen Ausführungen. Ebenso wie bei allen anderen Kulturvölkern längst überwundene religiöse Vorstellungen noch jahrtausendelang unter den ungebildeten Volksschichten, besonders unter der Landbevölkerung fortwuchern und von der offiziellen Religion als Aberglaube bezeichnet wird, ist dieses auch im Judentum der Fall. Unter Aberglauben Verstehen wir ein Hineinragen heidnischer, primitiver Anschauungen in die rein monotheistische Weltanschauung. Aus heidnischer Zeit stammender Aberglaube findet sich noch heute bei allen Kulturvölkern, wenn er sich zwar / teilweise nur noch in erstarrten Sitten und Bräuchen erhalten hat, deren ursprünglicher Sinn im Laufe der Jahrhunderte verloren gegangen ist. Alles Unheil, Krankheit und Tod rühren nach dem heidnischen Glauben von Dämonen her, die man aber durch magische Handlungen beeinflussen und abwehren kann. Diese Auffassung, hat die offizielle jüdische Religion bekämpft, da sie gegen das Grunddogma des Judentums verstößt, daß von Gott nicht nur das Gute, sondern auch alles Schlimme'herkommt. D.?.hnr wird der Glaube an Omina und Zauberei, die der Annahme eines absoiv.0 gerechten und allmächtigen Weltenlenkers zuwiderläuft, als Abfall vcr> Gott angesehen. Solange das Judentum mitten in der heidnischen