Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1917-1918
- Issue
- Heft 19 (10.7.1918)
- Article
- Schopenhauer, der Jude
- Date
- 1918-07-10
- Page
- Seite 445 (sequence 6)
- Language
- German
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Seins gibt sich in allen Formen des modernen Materialismus und Positivismus stark zu erkennen —.im Darwinismus mit seiner Anpassungstheorie, im Marxismus mit seinem allmächtigen ökonomischen Faktor undim Nietzcheancrtuiu mit seinem Kniebeugen vor der Tatsache der nackten Macht Aus ihnen allen spricht der Instinkt eines versklavten Geistes, der Instinkt einer mit dem Strome gehenden Menge, die an der Selbständigkeit der menschlichen Person Verrat übt. Die Früchte derartiger Anschauungen zeigen sich fast auf allen Gebieten des praktischen Lebens unserer Tage. Nie trat der Philister so «.ungeniert und so frech wie in unseren Tagen auf, nie hat der nationale Antagonismus solche häßlichen Formen angenommen, nie zeigte sich die internationale Politik so zynisch und gemein. Schopenhauers Philosophie gibt dem Geiste eine ganz andere Richtung: nicht die menschliche Person ist es, die dem Faktum des Seins unterstellt wird, sondern im Gegenteil, das Faktum des Seins hat sich vor dem menschlichen Denken zu verantworten. Dies ist der springende Punkt, auf den wir die Aufmerksamkeit des Lesers besonders lenken möchten. Der Schopenhauersche Pessimismus geht uns hier sticht im geringsten an. Ob sich das Leben lohnt oder nicht dies ist eine Frage, mit der wir uns hier gar nicht befassen und über die wir uns mit Schopenhauer gar nicht auseinandersetzen möchten. Was uns biet: interessiert, das ist seine ganze Stellungnahme zum Faktum des Lebens, eine Stellungnahme, in der sich eine große moralische Macht offenbart. Es ist dies die Macht der menschlichen Person, die mit der blinde-:; Herrschaft der äußeren Natur nicht paktieren will. Uns interessiert hier besonders die ganze Problemaufstellung, auf die das Schopenhauersche System aufgebaut ist: Ob die nackte Tatsache der Er haltung, des Bestehens, des Seins die; oberste Instanz bildet und die Person von nur nebensächlicher, untergeordneter Bedeutung ist, derer ganze Aufgabe in der Anpassung an dieses Se:n bestehens soll, oder umgekehrt, die Person bildet die höchste Instanz, vor der das Faktum des Lebens, des Seins Rechenschaft ablegen muß. Die Antwort Schopenhauers ist bekannt: das Leben ist schlecht und daher muß es zugrunde gehen, und daraus folgt mit Notwendigkeit, ärß unserem Philosophen zufolge das Leben jede Daseinsberechtigung' einbüßt, sobald der persönliche Faktor gegen es revoltiert. Ob das Leben gut oder schlecht ist — dies ist eine Sache für sich und mach:: hier gar keinen Unterschied, die Hauptsache bleibt, daß Schopenhauer die Person und deren Urteil ü b e r die nackte Tatsache des Seins, der Erhaltung, des Bestehens, des Lebens als solchen erhebt. Und in diesem Erheben des persönlichen Paktors über die Tatsache des Seins, do3 Lebens als solchen, besteht das ganze Wesen der Moral. Denn wollen wir uns doch keinen Täuschungen hingeben: Wem das Faktum der Existenz als das höchste Kriterium,im menschlichen Leben gilt, wer die Erhaltung des Daseins höher als alle Proteste und Reaktionen des menschlichen Geistes wertet, wer der Ansicht'huldigt, daß alles cItt,