Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1917-1918
- Issue
- Heft 19 (10.7.1918)
- Article
- Schopenhauer, der Jude
- Date
- 1918-07-10
- Page
- Seite 446 (sequence 7)
- Language
- German
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was sich in seinem „Dasein erhält", auch immer und überall im Rechte fst^— der muß'logischerweise zu der letzten Schlußfolgerung gelangen un# sageify daß der ganzen Frage von Gut und Böse gar keine Bedeutung beizumessen ist. Denn das Böse existiert und erhält sich in seinem Dasein mit derselben Zähigkeit wie das Gute, und wenn-dem so ist, so sind sie docir einander .vollständig gleich. Wer es aber gewohnt ist, den moralischen Faktor mit in Anschlag zu bringen, der wird die Person und deren Forderungen höher stls die Tatsache der Erhaltung bewerten. Und umgekehrt: wem die persönlichen Forderungen über, alles gehen, der ist eo ipso eine moralisch veranlagte Natur, wennauch sehr gut möglich ist, daß ihm dies nicht zum Bewußtsein kommt. Es ist dies der Standpunkt Schopenhauers, der vom Judentum in dessen reinster Form vorbehaltlos geteilt wird. Die reinste Form des Judentums wird ganz gewiß durch den Prophetismus repräsentiert und die Propheten haben die Daseinsberechtigung der Welt vom moralischen Faktor abhängig gemacht. Weil Schopenhauer selber nicht merkte, welch starker persönlicher Ton durch seinen Pessimismus geht, so hat er auch das Wesen der Moral nicht richtig gedeutet. Das moralische Verhalten gegenüber dem Leben soll nach Schopenhauer in den Gefühlen des Mitleids bestehen, und dadurch eben ist unser Philosoph auf Abwege geraten. Gewiß — das moralische Verhalten hat^an den, Mitleidsgefühlen einen starken Rückhalt, aber Moral ist doch etwas mehr als Mitleid. Mitleid ist eine passive Eigenschaft der menschlichen Seele und entbehrt ganz jener Zähigkeit, jener Selbständigkeit, jenes heiligen Zornes, jenes ewigen Hasses gegen das Böse, die die aktive Natur der Moral konstituieren und ihr die Kraft zum Auftreten gegen das Böse in der Welt verleihen. Der Mitleidsmensch besitzt nicht die Macht, um jeden Preis auf dem Seinigen zu bestehen, denn allsu leicht streckt er die Waffen vor den bösen Gewalten des Lebens, allzu leicht läßt er sich zu allen Verkehrtheiten überreden, und er gibt eich schon zufrieden, wenn er wenigstens das nicht mit eigenen Augen mit anzusehen braucht, was ihn innerlich abstößt. Und daher sehen wir auch, daß der Mitleidsmensch sehr oft mit dem Bösen sich abfindet, wenn er sich auch darüber im stillen grämen mag. Nein, - Moral ist rsicht Mitleid, sondern Protest, und zwar ein sehr hartnäckiger und unversöhnlicher Protest gegen die Macht des Bösen. Einen derartigen Protest beobachten wir bei den Propheten. Schopenhauer wollte oder kennte es nicht sehen, — und trotz alledem steht doch der Antisemit Schopenhauer dem wahren Wesen des Judentums viel näher als beicplols weise der jüdische Denker Spinoza, in dessen Ethik kein Tropfen eckten jüdischen Geistes anzutreffen ist und der sich eher in einer •vcnvksen Verwandtschaft mit dem Hellenentum befindet.