Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1917-1918
- Issue
- Heft 19 (10.7.1918)
- Article
- Schopenhauer, der Jude
- Date
- 1918-07-10
- Page
- Seite 444 (sequence 5)
- Language
- German
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hineinzutragen, er denkt nicht im geringsten daran, mit dem Fatum, der Natur und deren ehernen Gesetzen zu ringen, um sie zu bekämpfen und ..abzutöten. Und daher geht auch der griechischen Tragödie der echte dramatische Zug ab. Schopenhauer war der erste, der durch das Hineintragen des Kampfmomentes zwischen dem blinden Willen der unbewußten Natur und dem sehenden Willen der selbstbewußten Persönlichkeit dem Leben einen dramatischen Aspekt verlieh. Und damit berühren wir den Punkt, in welchem Schopenhauer unwillkürlich mit dem Geiste des Judentums konvergiert. Wie bereits erwähnt, war es Schopenhauer selber, der seine pessimistische Weltanschauung aus altindischen Ursprüngen herzuleiten suchte. Dies zeigt, in welchem Grade Schopenhauer selber sich über das Verhältnis seiner Philosophie zu den altindischen Lehren täuschte, und eben dieser Umstand hinderte ihn daran, ein richtiges Verständnis für das Wesen des Judentums zu gewinnen. Er sah nicht, daß die jüdische Weltanschauung eine ganz aparte Stellung unter allen Systemers und Konzeptionen der Antike sowohl in den östlichen als in den westlichen Ländern einnimmt. -Er war vollständig blind gegenüber der für die innere Bedeutung seines eigenen Systems so wichtigen, geschichtlichen Tatsache, daß, während das religiöse Denken der gesamten Antike von der äußeren Natur durch und durch beherrscht wird, so daß der religiöse Mensch der antiken Welt absolut nicht begreifen konnte, daß die menschliche Person im Rate der Natur etwas zu sagen hätte — im Judentum zum ersten Male die Vorstellung von einem menschlichen Willen entstand, der eine Welt für sich mit seiner eigenen Gesetzlichkeit bildet und an dem die Gewalt der äußeren Natur ihre Grenze findet. Er konnte oder wollte nicht die geradezu in die Äugen springende Tatsache sehen, daß, während die gesamte Antike sowohl im Orient als im Okzident den Primat des blinden Seins lehrte, das mit Gut und Böse absolut nichts zu schaffen hat, das Judentum den Primat des ethischeji Faktors lehrte, den Primat eines Faktors, der. im Grunde seines Wesens den Einspruch der menschlichen Person gegen das blinde Walten der äußeren Natur darstellt. In der Entwicklung der jüdischen Kulturgeschichte spielt dieser Einspruch beinahe die entscheidendste Rolle und dessen Gedanke offenbart sich in seiner vollen Macht in all jenen Epochen, in. denen echte jüdische Kultur blühte und ein richtiges Leben führte. Yvras ist aber dieser Einspruch der menschlichen Person, wenn nicht das Faktum des Willens, jener Macht der menschlichen Seele, die auf ihre eigene Verantwortung hin über Gut und Böse entscheidet, ungeachtet dessen in den Augen der Natur alle Tatsachen gleich gut und gleich böse, weil gleich natürlich sind. * Daher sehen wir auch, daß unter allen religiösen Ancchauungen der antiken Welt — und alle Anschauungen der Antike tragen einen mehr oder weniger religiösen Charakter, — das Judentum zum ersten Male eine scharfe Grenzlinie zwischen dem blinden Instinkt und dem sehenden Willen zieht — eine Grenzlinie, die zu den "vcsontliclien Grundlagen des Schopenhaucrschen Systems gehört. Der £Ur die Anschauungen der Antike charakteristische Primat des blinden