Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1917-1918
- Issue
- Heft 19 (10.7.1918)
- Article
- Schopenhauer, der Jude
- Date
- 1918-07-10
- Page
- Seite 443 (sequence 4)
- Language
- German
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resultaten bemessen,- & i. wenn wir sie auf deren äußere Seite hin prüfen wollen, so werden wir auch gestehen müssen, daß sie in einem gewissen Grade zusammentreffen, allein der tiefgreifende Unterschied, von dem wir vorhin sprachen, liegt in der ganzen Art und Weise, wie die beiden Weltanschauungen den Akt des Verzichtleistens empfinden. Es liegt in der ganzen Stimmung, die den Nirvana-Gedanken in sich •aufgenommen hat. Dem alt-indischen Pessimismus fehlt absolut der Moment des Protestes, es fehlt ihm jene revolutionäre Kampfesstimmung, die ungeachtet dessen, daß sie das Leben verleugnet und verwirft, zur selben Zeit durch eben diese energische Zurückweisung alle Anzeichen einer kräftigen und intensiven Lebensbejahung an den Tag legt. Die Grundstimmung des indischen Pessimismus ist die der Flucht und nicht die des Ringens und die des Siegens und dies kommt daher, daß der antike Pessimismus sowohl bei den Indem, als bei den Griechen ~ sich der zwischen Intellekt und Willen, Erkenntnis und Tat enthaltenen Kluft nicht deutlich genug bewußt wurde und infolgedessen einem ernsten Konflikte innerhalb der menschlichen Seele keinen Raum zu geben vermochte. Bei Schopenhauer aber, der den tiefen Riß zwischen Verstand und Willen, Intellekt und Instinkt so klar wie nur möglich erkannte, spielt der persönliche Faktor keine passive, sondern eine aktive Rolle. Dadurch, daß Schopenhauer den Verstand gegen den Willen, den Intellekt gegen den Instinkt revolutionierte,, dadurch, daß er diesem Intellekte die Augen über alle im blinden Willen enthaltenen Gefahren öffnete und in ihm einen Haß gegenüber dem Sein weckte — dadurch allein trug er einen dramatischen Moment in die ganze Angelegenheit des Verzichtleistens auf das Leben hinein und schuf für den persönlichen Faktor die Möglichkeit, seine Tätigkeit zu "entfalten.- Dem alt indischen Pessimismus haftete ein gewisser idyllischer Zug an. Im rechten Mittelpunkte der indischen Welt- und Lebensanschauung stand der Begriff des Fatums mit dessen uferloser GewaR dem der persönliche Faktor absolut nichts anzuhaben vermochte. Und daher empfahl auch die alt-indische Weltanschauung dem Menschen, sich mit der Tatsache dieses Fatums auszusöhnen und sich jedenfalls mit ihm in keine großen Konflikte einzulassen. Er bemühte sich eifr'g, dem Menschen zu zeigen, wie man durch Bezähmung seiner Leidenschaften und alle erdenkliche Einschränkung seines Lebensinstinktes dem Leiden aus dem Wege gehen könne. Eine derartige Anschauung mußte eine Art weicher, wehmütiger und idyllischer Stimmung erzeugen, die eines gewissen dichterischen Reizes nicht entbehrt. Spuren einer idyllischen Stimmung zeigt selbst die griechische Tragödie, von der man doch gewiß meinen könnte, daß sie alle Elemente eines richtigen Dramas in sich enthält Zwar ist die griechische Tragödie auf den sich zwischen dem Fatum und dem menschlichen Willensf^-tor abspielenden Konflikt aufgebaut; aber die ganze Tragik der gric:h hellen. Tragödie besteht doch durchaus in der Erkenntnis der menschlichen Ohnmacht und der Nichtigkeit aller Proteste gegenüber dem Fatum. ..Der griechische Tragiker denkt nicht im geringsten daran, einen Moment des Kampfes in die Beziehungen des Menschen zur blindca Nat-:::