Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1917-1918
- Issue
- Heft 19 (10.7.1918)
- Article
- Schopenhauer, der Jude
- Date
- 1918-07-10
- Page
- Seite 442 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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einen Stempel tiefster Versklavung1 aufgedrückt. Der moderne Mensch besitzt nicht mehr den moralischen Mut ehemaliger Zeiten, den Mut, das Leben von der Seite anzusehen und sich die Frage zu stellen: ob es .wirklich wahr ist, daß alles, was besteht und sein Dasein behauptet, oo ipso berechtigt und gut, alles hingegen, was untergeht, schlecht und falsch sein soll? Ob es wahr ist, daß die Natur so groß und mächtig und mein Ich so klein und schwach ist? Zu solchen Tendenzen der modernen Kultur hat eine ganze Reihe sozial-psychischer und gesellschaftlicher Faktoren beigetragen. Einer der Grundfaktoren dieser Tendenzen lag ganz gewiß in dem mächtigen Aufkommen einer händlerisch gesinnten Menge, die durch die zynische Einschätzung eines, jeden Dinges nach rein pekuniären Maßstäben den Emst und die Würde jeden geistigen Strebens entweihte und den . Geist des Marktes in alle Gebiete der kulturellen Tätigkeit und in alle Falten der menschlichen Seele hineintrug. In einem gewissen Grade hat sich auch die moderne Wissenschaft dem Geiste dieser Menge anzubequemen gesucht, indem sie für die letztere die Theorie der „Anpassung'4 schuf — jene Philosophie, die in der Anpassungsfähigkeit das Ideal jeden geistigen Strebens erblickt und" zu gleicher Zeit die größte Verachtung gegenüber der Selbständigkeit der menschlichen Person zum Ausdruck bringt. Das Schopenhauerjche Denken erscheint uns als -einer der cnK schiedensten Proteste gegen diesen „anpassungsfähigen" Geist. Wir meinen damit nicht jenes in Paragraphen eingefaßte Denken, das an der Oberfläche des Systems vor den Augen des Lesers ausgebreitet ist, sondern vielmehr jene, dem System zugrunde liegende Stimmung, die, solange sie nicht aufgespürt wird, auch die ganze Bedeutung und der ganze Wert eines geistigen Schaffens nicht richtig eingeschätzt werden kann. Schopenhauer ist als der philosophische Begründer des Pessimismus bekannt und mit diesem Namen verbindet man gemeiniglich die Vorstellung von einer Welt- und Lebensanschauung, die den'Nachweis zu liefern sucht, daß die Welt und das Leben im argen liegen. Indessen, wenn wir von der psychischen Wurzel des Schopenhauerschen Denkens reden, so ist es durchaus nicht dieser Pessimismus, den wir dabei im Auge haben, denn wenn man in die dem Schopenhauerschen .System zugrunde liegende Stimmung einen etwas tieferen Einblick tut, so wird man sich alsbald der Einsicht nicht erwehren können, daß zwischen diesem System und allen anderen pessimistischen Welt- und Lebenjsanschauungen und ganz insbesondere dem indischen Pessimismus, eine tiefgreifende und weitgehende Differenz obwaltet — wie wohl Schopenhauer selber in dem letzteren eine geistige Verwandtschaft erblickte. In dem altindischen Pessimismus, in welchem Schopen-. hauer selber die Wurzeln seiner eigenen Lebensanschauung entdeckt zu haben glaubte, spielt der persönliche Faktor eine ganz unbedeutende -- ad . passive Rolle. Wahr ist es allerdings, daß auch das indische Kkvana zum Verzichtleisten auf das Leben auffordert und daß die Ccliopsnhauerschö Konzeption zu dem gleichen Ergebnisse führt. V/enn wir also die beiden Weltanschauungen lediglich nach ihren Denk-