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Neue jüdische Monatshefte · 1918-07-10 · Heft 19 (10.7.1918) · p. Seite 441

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1917-1918
Issue
Heft 19 (10.7.1918)
Article
Schopenhauer, der Jude
Date
1918-07-10
Page
Seite 441 (sequence 2)
Language
German
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rührt ganz gewiß nicht sehr angenehm. Sehen wir jedoch, ruhigen Gemüts der Schopenhauerschen Gegnerschaft auf ihren innersten Grund, so werden wir sie wenigstens verstehen lernen. Dieser Mensch, der tiefer als alle anderen Denker vor und nach ihm in das Getriebe der Natur hineinschaute und deren ganze Leere entdeckte; dieser Mensch, der sich nicht scheute, das Leben zu entlarven, um dessen wahres Aussehen ,vor aller Augen zu zeigen, dieser Mensch, der zum ersten Male mit dieser Schärfe erkannte, welche furchtbare Verantwortlichkeit jeder einzelne sowohl auf sich selber, als auf die kommende Generation durch den Umstand' ladet^ daß er das Faktum des Lebens mit all dessen Gefahren bejaht — diesem selben Menschen passierte es, auf ein ganzes System von Gedankeri und Gefühlen zu stoßen, in dessen rechtem Mittelpunkte die Erhaltung des Lebens steht, es passierte ihm, mit einer mächtigen Tendenz einer ganzen Nation zusammenzutreffen, die um keinen Preis auf den Willen zum Sein verzichten möchte. Schopenhauer schien es, daß er allen anderen Systemen und Weltanschauungen vielleicht herkommen könnte, daß es ihm geglückt wäre, die Notwendigkeit des VerzLchtleistens auf das Leben allen darzutun, wrenn ihm nicht das Judentum im Wege gestanden und das Werk der Erlösung hintertrieben hätte. Kein Wunder, daß er darüber in Wut geriet. Es war dies der Haß des revolutionären Geistes zu der konservativen Seele. Denn abgesehen davon, daß Schopenhauer durch seinen Begriff des „Willens" die tiefgreifendste Umwälzung in der ganzen psychologischen Wissenschaft seiner Zeit vollbrachte, daß seit dessen Auftreten die Entwickelung der Psychologie eine andore Richtung angenommen hat; ganz abgesehen davon, daß er durch seine psychologischen Untersuchungen den Begriff der Kausalität vertiefte und in ihn neue, fruchtbare Elemente hineintrug — ist doch Schopenhauer vor allen Dingen ein geistiger Revolutionär, und zwar einer der größten geistigen Revolutionäre in der bisherigen-Geschichte der kulturellen Entwicklung der Menschheit. Stellt man diesen Philosophen allen unseren politischen und gesellschaftlichen Revolutionären gegenüber, bei.denen die Befreiung der menschlichen Persönlichkeit angeblich die entscheidenste und ausschlaggebende Rolle spielt, so müssen sie doch alle insgesanr: in unseren Augen nichts weiter als recht bornierte Philister erscheinen. Denn während Schopenhauer das Banner des Auf Stands gegen cas Leben selber erhebt, während er bestrebt ist, einen Protest gegen (loa Despotismus der Natur in bezug auf die menschliche Persönlichkeit zu wecken, bleiben doch alle unsere politischen und sozialen Befreier, die tun, als wollen sie die Ketten der menschlichen Versklavung brechen, ewig ergebene und getreue Diener des Lebens, die in den tiefsten Tiefen ihrer Seele voV dessen despotischer Herrschaft hundowedeln und vor den Gesetzen der Natur katzenbuckeln. Das elementare, grobe Faktum der „Natur" und des „Seins" besitzt in ihren Augen einen bei weitem größeren Wert ab die Tatsache der gegen dieses Sein protestierenden menschlichen Persönlichkeit. Die Herrschaft des „Faktums" hat überhaupt der ganzen Persönlichkeit des modernen Menschen

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