Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1917-1918
- Issue
- Heft 18 (25.6.1918)
- Article
- Montaigne, ein jüdischer Denker
- Date
- 1918-06-25
- Page
- Seite 428 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2908689-2908714-2908730-2911012--1779-2911047- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
426 Mann der Renaissance, nicht; nur der glückliche Erwecker und Beieber antiker Gedanken; er ist auch als Darsteller seiner Persönlichkeit der erste Ichmensch, den die Literatur kennt." Dieser Darlegung Weigands, die zweifellos einen sehr bestechenden Eindruck macht, ist zunächst entgegenzuhalten, daß sich in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts, der Lebenszeit Montaignes, ein Einfluß der Renaissance, deren Blütezeit ja um Jahrhunderte zurückliegt, nicht mehr mit Sicherheit annehmen läßt und daß auch Montaigne an seiner Zeit, dem Zeitalter der Reformation, die ja zwar in der Renaissance wurzelt, im Wesen jedoch einen Gegensatz zu ihr bedeutet, keinen inneren Anteil nahm, Weigand selbst muß dies zugeben: „Man darf , ruhig behaupten, daß Montaigne unfähig war, die Reformation [in ihrem eigentlichen Wesen zu erfassen." Und schließlich ist wohl leicht einzusehen, daß eine solche stark positivistisch anmutende Vorstellung wie die Weigands, die einen integrierenden, vielleicht den wichtigsten Bestandteil der "geistigen Existenz eines Menschen von der Zeit oder der Umwelt abhängig macht, ohne von Anfang ah gegebene seelische Dispositionen anzunehmen, heute nicht mehr haltbar ist. Solche sicherlich sehr kühne und in ihren Resultaten überraschende Deutungsversuche wie der oben angeführte scheinen mir ebenso bedenklich zu'sein, wie die bekannten Hypothesen Werner Sombarts von den Juden als dem wandernden Wüstenvolke und den Deutschen als dem Wald- und Wiesenvolke: es sind sehr geistreiche Spekulationen, die nur den einen Fehler haben, daß sie nicht stimmen. Derartige psychologische Analysen stützen sich eben auf gar keine .bestimmten Anhaltspunkte und kennen keine Erkenntnisregeln, die wenigstens auf einen gewissen Umkreis hin die Richtigkeit der Resultate verbürgen. Wenn ich darum zu der Annahme gelange, daß der Individualismus das Jüdische an Montaigne ist, so bin ich mir bewußt, damit nichts unbedingt Sicheres, sondern nur etwas Richtigeres als die anderen Hypothesen festgestellt zu haben, da die Annahme von ursprünglichen Erbanlagen heute (dies auch nach dem' gegenwärtigen Stande der Vererbungstheorie) größere Wahrscheinlichkeit für sich hat, als die von erworbenen Eigenschaften, besonders wo. es sich um so grundsätzliche Elemente des Menschen handelt wie hier. (Den Individualismus Montaignes als ein französisches Erbteil zu erklären, dazu fehlen auch die geringsten Voraussetzungen.) Inwiefern ist aber der Individualismus etwas Jüdisches? Die Frage ist in dieser Formulierung natürlich nicht zu beantworten. Denn wenn auch Jakob Wassermann von dem Juden sagt: „er ist entweder wahrhaft sozial, sei es in veralteten, leblosen Formen, sei es in neuen utopischen, das Alte zerstörenden, oder er will in anarchischer Einsamkeit nur sich selber suchen16 — so ist damit noch nicht ausgesprochen, daß der Individualismus dem Bereiche , jüdischen Wesens angehört; er ist vielmehr nur eine Darstellungsform der jüdischen Eigencokvit der Polarität. Aber was hier allein behauptet werden soll — pno jede Bezugnahme auf das ungemein schwierige Problem der;Micohon Wesensart —- ist dieses, daß jenes eigentümliche Verhalten llcntaignes zur Umwelt, das wir als Individualismus bezeichnet haben,