Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1917-1918
- Issue
- Heft 18 (25.6.1918)
- Article
- Montaigne, ein jüdischer Denker
- Date
- 1918-06-25
- Page
- Seite 427 (sequence 5)
- Language
- German
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427 liehen Erfahrung: keine Sicherheit zuerkennt und alles. Sein in Frage stellt, ist wie bei jeder anderen skeptischen Auffassung ein außerordentlich gesteigerter Subjektivismus. (Es ist'übrigens von besonderem Interesse, daß ein Zeitgenosse Montaignes, der Verfasser .der damals berühmten Schrift „Quid nihil scitur" (einer Grundlegung des Skeptizismus), Franziscus Sanchez, ebenfalls von spanischen Juden stammte. Man kann darin mehr als einen bloßen Zufall sehen.) Die anderen Gedankengänge Montaignes sind für das Gesamtbild seiner Persönlichkeit und seines Werkes .von geringem Belang; er hat noch manches kluge und gehaltvolle Wort über manche Gegenstünde der Welt und Seele geschrieben, reizvoll und bezaubernd weniger durch die Selbständigkeit des Urteils als durch die interessante Beleuchtung und Gruppierung der Talsachen und die klare und sorgsame Ausdrucksform. Die charakteristischsten Züge seiner Erscheinung sind aber mit dem Gesagten bestimmt. Nun bleibt noch die Frage zu entscheiden, ob Montaignes Individualismus aus dem Geiste seiner Zeit oder aus seinem persönlichsten und eigensten Wesen zu erklären ist. Weigand bringt ihn mit der Renaissance in Zusammenhang, die den einzelnen aus den starren Former* und dogmatischen Fesseln des Mittelalters befreit und ihn zu einer.?, ganz und gar au! sich selbst gestellten und hemmungslos seinen eigenen Trieben ausgelieferten Menschen umgeschalfen hat. Eine solche rein, egoistische Kraftnatur war nun Montaigne freilich nicht. Aber auch dafür findet Weigand eine Erklärung: „In Italien äußert sich die Freiheit der Persönlichkeit in künstlerischem Schaffen und hier kann der schönheitsseligste Individualismus auf dem Boden der kleinen lebensvollen Gemeinwesen seine höchsten Flüge wagen: denn dem Künstler ist keine andere Schranke gezogen als die Grenze seiner Kunst und seiner Natur. Im Norden betätigt sich der Freiheitsdrang der Zeit durch ein hochgesteigertes Innenleben, das den Manschen freier macht, trotzdem es ihn, als Gläubigen, an den Buchstaben eines Buches zu fesseln sucht. Frankreich steht in diesem Kampf um eine neue Weitanschauung in der Mitte: hier beschattet' keine ungeheuere Phantasie das Streben des Einzelnen, sich als Erbe einer großen Zeit behaglich ein« zurichten; hier gibt es keine stürmischen Gewaltsnaturen, die durch ihr Schaffen die Gegenwart verklären und die Zukunft gefährden, weil sie die Schwächeren in ihren Bann zwingen und auslöschen, — denn der große Mensch ist nicht nur eine Erfüllung, er ist auch ein Endo und, vor allem, eine st-ete Gefahr für Schwächere. Diese französische Kultur gleicht den vielfach gewundenen Strömen, die das fruchtbare Land in gemächlichem Laufe durchziehen und selten über ihre Ufer treten: da gedeihen keine tropischen Gewächse des Geistes und die Pflanze Mensch ist nicht den Gefahren eines Himmels ausgesetzt, unter dem alle Leidenschaften ihr höchstes Maß erlangen. Auch hier wird die Antike durch das Bestrehen der Humanisten lebendig; aber fruchtbar wird sie erst in einem freien Manne, der das Aufgenommene nicht mehr als nachbetender Gelehrter reproduziert, sondern in den Dienst seiner Entwicklung, .seines Lebens und seiner Persönlichkeit stellt. Montaigne ist, als