Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1917-1918
- Issue
- Heft 18 (25.6.1918)
- Article
- Montaigne, ein jüdischer Denker
- Date
- 1918-06-25
- Page
- Seite 429 (sequence 7)
- Language
- German
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429 als jüdisch zu qualifizieren sei oder vielleicht noch richtiger, m seiner jüdischen Abstammung begründet, das Ergebnis jener inn&ren Situation ist, die ihn zwischen zwei Rassen, die jüdische und französische, also außerhalb einer natürlichen Gemeinschaft und auf sich selber stellte. Nur insofern ist Montaigne ein jüdischer Denker. Daß ich den Individualismus nicht für eine jüdische Wesenseigentümlichkeit halte, geht auch aus der folgenden Begründung hervor, die nach I meinem Dafürhalten die individualistische Richtung Montaignes am besten erklärt. Die Wahl zwischen dem Sozialen, .der,Gemeinschaft, und dein eigenen einzelnen Ich, dem Individuum, ist für jeden Menschen eine unausweichliche und vielleicht die bedeutsamste Entscheidung seines Lebens. Keine andere Wahl aber ist so den dunklen Schicksalsmächten, welche die Seele und das Leben des Menschen bestimmen, anheimgegeben, keine so von vornherein entschieden, weil von der ganzen inneren Struktur des Individuums so abhängig, wie diese, und bei keiner anderen geht darum der Einzelne mit einer solchen inneren Notwendigkeit den ihm von seiner eigenen Natur vorgezeichneten Weg. Es ist zweifellos, daß Montaigne, das Mischungsprodukt zweier verschiedener Rassen, in einem geistigen Sinne heimatlos war. Nur dünne Fäden des Blutes, der Artverwandtschaft knüpften ihn an die Franzosen, jedenfalls viel zu schwach, um für rein französische Schöpfungen Wurzel und Ursprung bedeuten zu können; &f war tatsächlich ein Vereinzelter seiner ganzen Konstitution und Herkunft nach, ein Einzelner und Besonderer in einer durch gleiche Art verbundenen Allgemeinheit, wesentlich anders und unvergleichbar einer homogenen und gleichartigen Umgebung gegenüber. Diese Tatsache mußte natürlich auf die Richtimg seines Denkens bestimmend wirken: das ihn nie verlassende Gefühl des Aufsichgestelltseins, des Andersseins, der Vereinsamung fand in seinem Werke, den gedanklichen Ausdruck. Montaigne war seinem Wesen nach ein einzelner, darum war seine geistige Existenz vom Individualismus beherrscht, der das Jüdische an ihm darstellt und zur Erscheinung bringt. Das gelobte Land Von Dr. Hugo Bergmann, im Felde ^ra^raTelt-Menschheit, Israel, die Lehre — die alte jüdische Einheit Gedichtbuch*) blättere, in dem jüdisches Natioualgefühl und Sehnsucht nach Gerechtigkeit einander durchdringen, um vereint auszuklagen in das tiefe, Vertrauen in eine kosmische Sendung des Menschengeschlechtes. Brod nennt den Gedichtband ein Buch der Schmerzen und Hoffnungen. Sein Optimismus ist nicht leicht errungoi- und gewahrt. Zu tief sind die Wunden, die der Krieg seinem ruhiger. Vertrauen schlug. *) Max Brod, „Das gelobte Land", Kurt Wolff Verlag, Leipzig 1917. Preis geh. Mk. 2,50. Durch-einander-Erlöstwerdens da ich in B r o d s neuer-;.