Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1917-1918
- Issue
- Heft 18 (25.6.1918)
- Article
- Montaigne, ein jüdischer Denker
- Date
- 1918-06-25
- Page
- Seite 426 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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426 elend machen, gibt es nur einen würdigen Gegenstand des Studiums: den Menschen selbst, und so schreibt er denn seine Gedanken hin, ohne sich selbst, wenn man ihm glauben darf, allzu wichtig zu nehmen. Der unbefangene Weltmann, den als Schriftstellef und Baumeister kein lockendes Ideal zu mühsamer Verwirklichung zwingt, läßt seine Feder laufen: er braucht nur seiner eigenen Natur zu folgers, deren Launen und Glücksfälle immer wieder in der Überzeugung münden, daß man am besten tue, dem inneren Drang zu gehorchen, und auf diese Weise wird er, ohne es zu wollen, zu einem der originellsten Schriftsteller: er schafft ein Werk,-das bis dahin, nicht seinesgleichen hatte; er stellt zum erstenmal einen ganz souveränen Menschen vor uns hin, ohne daß diese Gestalt, die doch im letzten Sinne ideal bleibt, trotz der offensten Bekenntnisse weder den Zauber, den alles Persönliche atmet, noch das Geheimnisvolle verlöre, das allen organischen Gebilden anhaftet .... Als Denkwürdigkeit einer Seele genommen, weisen Montaignes Bücher auf einen Menschen zurück, der eiü Typus und eine Persönlichkeit [ist und von der brausenden Zeit alle Anregungen empfängt, die einen vorurteilslosen, aufrichtigen ',Geist fruchtbar inachen können. Er bringt die Beobachtungen, die sich ihm aufdrängen, in* kein System: er hat wenig Vorurteile und geht ohne Voraussetzung an alle Dinge, an Menschen und Bücher, an Könige und Bauern heran. Er scheut sich auch nicht, sich selber zu widersprechen: Was liegt im Grunde daran, ob der Montaigne von heute dem Montaigne von morgen gleicht? Er setzt, sorglos und nachlässig, Zug um Zug hin, ohne die Einheit des Gemäldes von vornherein ins Auge zu fassen;, aber da er, als ganzer Mensch schreibt und denkt, entsteht aus den Einzelzügen zuletzt doch eine Gestalt und ein Antlitz, hinter dem ein Allgemeineres aufleuchtet.44 „Im Enthüllen seiner eigenen, universellen Persönlichkeit, mit allen ihren liebenswürdigen Schwächen und Schrullen und Eigenheiten, ist Montaigne der erste moderne Mensch.44 Hält man das individualistische Element in Montaigne als das Fundament fest, das sein ganzes Leben und Schafenträgt und bestimmt, so erklären sich leicht und mühelos die anderen Seiten seiner Weltanschauung, die oft genug widerspruchsvoll und rätselhaft gefunden wurden, weil man eben nicht merkte, daß dieses Widerspruchsvolle und Rätselhafte das Notwendige und Besondere seines Wesens ausmache. So erledigt sich die alte Streitfrage, ob Montaigne Stoiker oder Epi- Imraer gewesen sei, auf die einfachste Art: er war beides; er entnahm 'beiden Lehren das ihm persönlich Genehme und Zusagende, ohne sich im geringsten um die daraus sich ergebenden Widersprüche zu be- Idimmern; tatsächlich finden sich in den „Essais" ausgesprochen stoische n n d epikuräische Anschauungen. Auch Montaignes Skeptizismus, i-er in seiner bekannten Formel „Que sais-je?44^ zumeist als die zentralste Lshro des Denkers gilt, wird man jetzt nur als eine Konsequenz seines incdvldudistisqhen Standpunktes bezeichnen können. Denn der Ausganssgunkt d^s Montaigneschen Skeptizismus oder richtiger Relativismus, der jede absolute Gewißheit und Erkenntnis leugnet, der sinn-