Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1917-1918
- Issue
- Heft 18 (25.6.1918)
- Article
- Montaigne, ein jüdischer Denker
- Date
- 1918-06-25
- Page
- Seite 425 (sequence 3)
- Language
- German
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kenritnis sehe ich sehr ruhig entgegen; ich.möchte kaum jemand andern gegenüber für diese meine Aufsätze einstehen, da ich das nicht einmal mir gegenüber tuej sondern damit selbst wenig zufrieden bin. Wer nach strenger Wissenschaftlichkeit verlangt, mag. sie da aufsuchen, wo sie wohnt. Das hier sind nur so meine Einfälle, durch die' ich weniger über die Dinge Licht verbreiten will als vielmehr über mich selbst." Und mit einem ähnlichen Gedanken, daß es eine „unbedingte und gleichsam göttliche Vollkommenheit sei, in Treuen seines Wesens zu genießen", schließt sein Werk. Ähnliche Worte wiederholen sich Öfters; im 2. Kapitel des 3. Buches seiner „Essais" sagt er: „Beschwert sich die Welt darüber, daß ich zuviel von mir selbst spreche, so beschwere ich mich darüber, daß sie nicht einmal an sich selbst denkt . . . Die Schriftsteller teilen sich dem Volke mit durch einen besonderen und auszeichnenden Stempel. So.ich, der erste unter allen, durch mein universelles Wesen als Michel de Montaigne, nicht als Grammatiker oder Poet oder Rechtsgelehrter." Und weiter: „Die anderen bilden den Menschen; ich schildere ihn und stelle einen einzelnen dar, der sehr übel gebildet ist." Dann, im fünften Essay desselben Buches: „Alle Welt erkennt mich in meinem Buche und nv.v-n Buch in mir." Und einmal sagt er geradezu, was der eigentliche Ki-rn seiner Philosophie ist: „Ich studiere mich selbst mehr als irgendeinen anderen Gegenstand; das ist meine Metaphysik, das ist meine Physik." Am deutlichsten aber wird der individualistische . Grundzug Montaigncs in seinem Essay über die Einsamkeit. Darin heißt es: „Auf einen ausführlichen Vergleich zwischen dem tätigen und dem einsamen Leben wollen wir uns nicht einlassen. Ehrgeiz und Gewinnsucht lieben es, sich mit dem hochtönenden Wort zu decken, daß wir nicht für uns allein, sondern für die Allgemeinheit geboren sind. Fragen wir doch einmal die, welche mitter?, im Strudel schwimmen, auf Ehre und-Gewissen, ob man nicht vielmehr gerade Stand und Art und all den Wirrwarr der Welt darum aufsucht, um aus der Allgemeinheit seinen besonderen Nutzen zu ziehen! T)"e schlechten Mittel, deren man sich dazu in unserer Zeit bedient, zeigen schon, daß das Ziel nicht viel tauge. Dem Ehrgeiz aber wollen wir antworten, daß gerade er uns Geschmack an der Einsamkeit gibt. Denn was will er gerade weniger sehen als gleichstehende Genossen, was sucht er mehr als Ellenbogenfreiheit?" Auch Wilhelm Weigand spricht in semer Monographie von dem Individualisten Montaigne: „Während Montaigne seine ersten magere v Versuche niederschreibt und glücklich ist, wenn er eine Wahrheit oder ein zu Herzen gehendes Wort beleuchten darf, macht er eine "Entdeckung, die von größter Bedeutung für ihn und für die Zukunft ^\r> er merkt, daß es unter Büchern und Menschen doch eigentlich n i c h t s Interessanteres gSbe, als den Schloßherrn Michel e Montaigne-selbst, der sich überall, im Leben und in den £>üche^. .wiederfindet. Allgemein gesprochen: in diesem ganzen Getriebe verwirrender Interessen und Leidenschaften, die das Jahrhundert reich und