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Neue jüdische Monatshefte · 1918-06-25 · Heft 18 (25.6.1918) · p. Seite 424

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1917-1918
Issue
Heft 18 (25.6.1918)
Article
Montaigne, ein jüdischer Denker
Date
1918-06-25
Page
Seite 424 (sequence 2)
Language
German
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424 Stille sein Werk, die „Essais"4), imd stirbt, nachdem einige Reisen seine selbstgewählte Einsamkeit angenehm und das Amt des Bürgermeisters der Stadt Bordeaux sie unliebsam unterbrochen hatten,- 1592 auf seinem Schlosse. Montaigne ist kein systematischer Denker; auch seine Ausdrucksform—» die Bezeichnung Essay ist ja geradezu zu einem Gattungsbegriff geworden — entspricht allem mehr als einem philosophischen System. Sein klarer und durchsichtiger, heute noch merkwürdig modern , anmutender Stil wird nur durch die Überfülle lateinischer Zitate — La- , temisch war ja seine Muttersprache — gestört. Die „Essais" sind Betrachtungen eines Mannes, der sich von dem Schein und dem Lärm der Welt in die beschauliche Ruhe seines eigenen Ichs zurückgezogen hat und nun, ohne sich einem Zwange oder einer Idee zu unterwerfen, zu seinem eigensten Vergnügen die Gedanken und Einfälle, die ihm kommen, unbedenklich und wahllos aufzeichnet.. Es ist darum einigermaßen schwer, wenn nicht gar unmöglich, aus den weitläufigen Gedankengängen Montaignes eine einheitliche Lebensanschauung herauszukristallisieren; der Mangel einer solchen darf wohl mit .Recht als das .vielleicht charakteristischste Merkmal seines Schaltens angesehen werden. Denn wenn sich für dieses überhaupt eine allgemeine Forme] finden laßt, so Ist es dbse: Montaigne ist der erste moderne Ichmensch, der kein anderes Gesetz über sich kennt als das der eigenen Persönlichkeit, dem sein persönliches Leben Selbstzweck geworden ist, der erste Individualist im Sinne der Gegenwart Da mir diese Annahme für die Beantwortung der Frage, ob sich in Montaignes Denken ein jüdisches Element aufzeigen läßt, von grundlegender Wichtigkeit zu sein scheint, sei es gestattet, dafür einen ausführlichen Beweis zu erbringen. Bezeichnend für die angeführte Tatsache ist schon die Vorrede 'M.ontaignes zu seinem Werke: „Dies ist ein Buch guten Glaubens, lieber Leser. — Wäre es geschrieben, um Weltgunst damit zu erwerben, so hätte ich mich mitflgeborgten Schönheiten geziert Ich will aber, daß man mich in meiner einfachen, natürlichen und alitäglichen Art sehe, ohne Kunstgriffe und Aufputz; denn ich selbst bin der, den ich schildere. Meine Gebrechen wird man beim Leset* auf frischer Tat betreffen, dazu die Lücken und die natürliche Form meines Wesens, soweit die schuldige Ehrfurcht vor den Lesern mir dies erlaubt. — So binichalsoselberderStoffmeinesBuches. . ." Und an anderer Stelle heißt es: „Gewiß werde ich auf den folgenden Seiten oft von Dingen reden, die dt^rch Fachleute eine bessere und gründlichere Beurteilung erfahren haben. Aber das sollen hier auch "nur ,Essai3c, Versuche meiner natürlichen Fähigkeiten sein, Dem Vorwurf der Un- 4) J)\q „Essais" hat Bode 1703 ins Deutsche übersetzt; die gegenwärtig beste und vollständigste deutsche Ausgabe seiner Werke ist die von Otto Piako und Wilhelm Weigand im Anschluß an die Bodesche Übertragung ' besorgte, die in acht Bünden bei Georg Müller in München erschienen ist; eine glückliche und sorgfältige Auswahl der „Essais1* erschien im Verlage von (5roiner & Pfeiffer, Stuttgart (in der Sammlung „Bücher der Weisheit und ~ Schönheit").

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