Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1917-1918
- Issue
- Heft 18 (25.6.1918)
- Article
- Der Zionismus und die messianische Sendung des Judentums
- Date
- 1918-06-25
- Page
- Seite 421 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2908689-2908714-2908730-2911011--1770-2911040- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
zu einem Staat entwickeln müsse, der notwendig als solches leibliches Gebilde eine Schwächung'des messianischen Berufs des Judentums bedeute und in die allgemeine Politik, in den Haß und Streit der Völker, gezogen werde. Zunächst wäre demgegenüber eine Frage aufzuwerfen. Wann und wo stand bisher das jüdische Volk, oder sagen wir die jüdische Gemeinschaft, nicht im „Haß und Streit der Völker", wann und wo war die jüdische Gemeinschaft, die Judenheit der verschiedenen Länder, bisher nicht verwickelt in das Getriebe der Politik? Mit dem Aufkommen der Neuperser z. B. änderte sich die Lage der^ großen babylonischen Diasporajudenheit; die politischen Umwälzungen, die der aufsteigende Halbmond hervorrief, übten den stärksten Einfluß auf den Zustand der Judenheit und des Judentums zahlreicher Länder; in die Politik der christlichen Eroberer Spaniens wurden die dortigen Juden nur zu sehr verwickelt; die Politik der deutschen Kaiser, der deutschen Städte, der deutschen Bischöfe des Mittelalters zog die deutsche Judenheit fast bis zur Erdrosselung in ihre Kreise; die Regieningen moderner Staaten und manche der bedeutendsten Staatsmänner der Neuzeit trieben und treiben vielfach eine besondere „Judenpolitik4'. Und de? gegenwärtige Weltkrieg zerrte die Judenheit, indem er dio Ostjuden am meisten in Mitleidenschaft zog, erst recht in den „Käß und Streit der Völker" und machte überdies die „Judenfrage" zu einem;7:v;' dringlichsten politischen Probleme. Freilich blieb den Juden stets die passive Rolle, sie waren bisher immer nur Objekt, nie Subjekt. Aber auf alle Fälle waren sie immer „der Spielball der großen Mächte'4 und auch der kleinen und kleinsten. Mir scheint, daß ein jüdischer Staat die Juden unmöglich noch mehr in den Völkerhaß und das Getriebe der Politik verstricken kann, als es schon in der Diaspora geschah. Nur würde dann die Judenheit oder genauer der staatlich organisierte Teil der Judenheit vielleicht gelegentlich einmal Hammer statt Amboß werden. Und das antizionistische deutsche Judentum selbst feiert und verherrlicht ja die Taten eines jüdischen „Hämmerers" aus der Vorzeit' Zum zweiten fragen wir: denkt man auch sonst so gering vom „körperlichen Nations- oder.StaatsbcgrifT" gegenüber dem, was „universeller Religions- und Sittlichkeitsbegriff ist4'? Ich nenne den Namen Fi cht es. Als er dem Deutschtum einen messianischen Beruf zuteile, wie einer der alten Propheten dem Judentum, fürchtete er da die Einzwängung dieses „universellen Religions- und SittliehkeitsbcgriiTs" i" den „körperlichen" deutschen „Nations- oder Staatsbegriff"? Wollte er nicht gerade das deutsche Nationali täte- und Staatsgefühl wachrufen, wachrütteln, als erste, unerläßliche Vorbedingung der Erfüllung des messianischen Berufs des Deutschtums? Ein gewiß nicht f ü r Fichte voreingenommener Zeugewie Hermann Cohen bekundet, daß seine Lehre vom nationalen Ich, als welches er das soziale Ich „entdeckt" habe, einen Fortschritt gegenüber Kant bedeute. „Diese neue Verwirklichung des Ich, über die ethische Abstraktion der Menschheit hinaus, in der nationalen Konkretheit", konnte ihm rechtens als