Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1917-1918
- Issue
- Heft 18 (25.6.1918)
- Article
- Der Zionismus und die messianische Sendung des Judentums
- Date
- 1918-06-25
- Page
- Seite 420 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2908689-2908714-2908730-2911011--1769-2911039- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
420 Idee, d. ti. der Propheten, nicht das jüdische Individuum, sondern.die jüdische Gemeinschaft, das jüdische Volksganze. Nicht der einzelne Jude, so sehr es selbstverständlich auf jeden einzelnen mit ankommt, ist zum „LiQhte der Nationen" berufen, sondern Israelist der „Gottesknecht" und der „Missionar". Das jüdische Gemeinschaftsleben, das jüdische „Volkstum", soll auf der Grundlage des „jüdischen Gedankens" aufgebaut sein, im Geiste der messianischen Idee sich entwickeln und entfalten. Nicht etwa um Kultus, Ritus, Wohlfahrtspflege und Wissenschaft des Judentums geht es; vielmehr um den ganzen umfassenden Komplex aller Äußerungen und Betätigungen einer lebendigen Volksgemeinschaft. Das ganze öffentliche und private, soziale, wirtschaftliche und'kulturelle Leben der Kollektivindividualität Israel soll die Wirklichkeitsform seiner messianischen „Berufs"-Idee darstellen. Es liegt auf der Hand, daß eine derartige Lebensentfaltung der jüdischen Gemeinschaft als solcher unmöglich ist, wenn ihre Angehörigen über alle Welt hin zersplittert und versprengt sind, wenn jeder ihrer Teile gesondert äußerlich und innerlich von fremden Bedingungen abhängt und fremden Lebensgemeinschaften eingegliedert ist. Die deutsche Judenheit z. B. kann 'sich schlechterdings nicht im Sinne des messianischen Ideals ausleben, weil sie überhaupt kein volles und eigenes Gemeinschaftsleben führen kann. Sie, oder genauer, die e i n - seinen deutschen Juden nehmen Teil am deutschen Volksleben, auf dessen Gestaltung sie schon wegen ihrer geringen Zahl wenig Einiluß haben. Welche Rückwirkungen es andererseits hätte, wenn es ihnen gelänge, das deutsche Volkstum maßgeblich zu bestimmen, läßt sich ohne sonderliche Phantasie vorstellen. Nur ein frei auf eigenem Territorium lebendes Volk vermag wahrhaft zu leben, sein eigenes Ich zu entfalten: nur auf eigenem Territorium, auf dem Boden seiner historischen Heimat, kann das Judentum, der jüdische Geist, der^- „jüdische Gedanke", sich ganz auswirken, kann die Judenheit leben im Geist und Sinn des messianischen Ideals. Gerade der „messianische Beruf" des Juden tu ras Ist es demnach, der als Vorbedingung seiner Erfüllung wenigstens eine partielle Konzentration der Judenheit, die Schaffung eines „na-' nonalen Zentrums", einer „Heimstätte", für das jüdische Volk verlangt. Der Zionismus bedeutet keinen Widerspruch gegen das messianische Judentum — er ist der Wille und der Weg zu ihm. Der in Palästina konzentrierte „Rest Israels" wird allein imstande sein, den „jüdischen Gedanken" voll und eigentlich zu verwirklichen, den messianischen „Beruf zu erfüllen. Inwieweit sich die Judenheit der Diasporaländer, Inwieweit sich da und dort die einzelnen jüdischen Individuen, an jenem vollen jüdischen Volksleben, zum wenigsten an seiner geistigen Kultur, beteiligen vermögen, wird wesentlich von den jeweiligen äußeren Verhältnissen abhängen und — von dem Grade ihres jüdischen Idealismus und ihrer persönlichen Willensstärke. 8. Aber das Bedenkliche am Zionismus soll ja darin liegen, daß die von ihm erstrebte „Heimstätte", das erstrebte „nationale Zentrum", sich