Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1917-1918
- Issue
- Heft 17 (10.6.1918)
- Article
- Montaigne, ein jüdischer Denker
- Date
- 1918-06-10
- Page
- Seite 404 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2908689-2908714-2908729-2910966--1743-2910996- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
■ v?<v>, ' VJ'Ti? schränkung erscheinen, wo sie Bedingung', eines besonderen Lebens sind." ■ Das Problem, ob m Montaignes Leben und Schaffen jüdische Kräfte wirksam waren und in welcher Richtung diese Einwirkung erfolgte, gewinnt für die Gegenwart eine über den Einzelfall hinausgehende allgemeine und aktuelle Bedeutung. Eö handelt sich hier nämlich um die Frage nach der psychischen (und auch physischen) Qualität der-Kinder aus Mischehen, deren Beantwortung für die wissenschaftliche „Lebensfrage*4 des Judentums: soll das jüdische Volk lim der Menschheit willen erhalten bleiben oder untergehen?, mit anderen Worten: dient sein Untergang dem menschlichen Fortschreiten?, am bedeutendsten ist. (Daß dieser für andere Völker auch vom Standpunkt der Wissenschaft aus indiskutablen Frage nur eine theoretische Wichtigkeit eingeräumt werden kann, nicht aber eine Entscheidung für das L eben, dem gegenüber alle Wissenschaft und Theorie armselig, unzuverlässig und problematisch bleiben muß, — dies überhaupt noch anmerken zu müssen, läßt brennend die Schmach unseres aberwitzigen Zeitalters empfinden, das für Glauben und Gefühl Verstand und Witz und für den göttlichen Sinn des menschlichen Lebens den gottlosen Wahnsinn unmenschlichen Mordens eingetauscht hat.) Das Problem soll hier selbstverständlich nicht aus dem Gesichtspunkt der Rassenbiologie betrachtet we? Ten, deren Un- ■ tersuchungsergebnisse ja von einem Einzelfalle nicht "wesentlich beeinflußt werden können, da in ihrem Sinne wissenschaftliche Schlüsse nur von Massenerscheinungen ihren Ausgang nehmen dürfen. Uns interessiert die speziellere Frage, ob Menschen, in denen Einflüsse verschiedenen Blutes mächtig sind, die Fähigkeit zu schöpferischem Wirken haben und inwiefern sich bei Montaigne eine Wirkung seiner jüdischen Abstammung aufzeigen läßt. Die erste ungemein schwierige Frage möchte ich — wenigstens in ihrer allgemeinen Formulierung — ausschalten. Denn abgesehen davon, daß ihre Beantwortung den Rahmen dieser Arbeit überschritte, sehe ich auch vorläufig keine Möglichkeit, hier zu einer endgültigen Enscheidung zu gelangen. Es fehlt nämlich die wichtigste Voraussetzung, die klare Einsicht in das Wesen des Schöpferischen. Wenn beispielsweise Jakob Wassermann einmal.5) aus der Gegenüberstellung des Literaten als des vom Mythos losgelösten Menschen und des schöpferischen, vom Mythos und Gott erfüllten Menschen, der die Gabe der Verwandlung besitzt, für den Juden den Schluß gesogen . hat, „der Judo als Europäer, als Kosmopolit sei ein Literat; der Jude als Orientale, nicht im ethnographischen, sondern im mythischen Sinne, als welcher die v e r w a n d e 1 n d e Kraft zur Gegen- T/r.rt schon zur Bedingung macht, könne Schöpfer sein", so ist dieses- ICjitermm nicht allein nicht allgemein anerkannt, sondern auch viel zu unbestimmt, um wissenschaftliche Geltung beanspruchen zu dürfen. Die Holirsahl unserer heutigen Intellektuellen werden zweifellos nicht so sOr Tolstoj, Wilson und Bergson als Hindenburg, Edison und de» s) Ja!;ob Wassermann, Der Literat oder Mythos und Persönlichkeit. .-Insel-Ycrlag, Leipzig 1910.